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Frömmigkeit.
enden. Ebendahin weist auch der noch jetzt gangbare Gebrauch des Zeitworts „from-men", welches nicht mit dem Begriff „nützen" erschöpft ist, sondern den Begriff desHeils, der Vollkommenheit einschließt (vgl. 1 Cor. 6, 12, wo Luther das Wort „from-men" für das griechische Wort braucht, das „erbauen" bedeutet). Dieser Ableitungnach hätte man bei Frömmigkeit den Begriff der persönlichen Vollkommenheit ins Augezu fassen, wie derselbe nach dem sonstigen Entwicklungsgesetze der Sprache von demmehr leiblichen und seelischen auf das geistige und insbesondere auf das geistliche Ge-biet übergetragen worden ist. Damit stimmt im wesentlichen auch der Gebrauch desWortes überein, wie er seit der lutherischen Bibelübersetzung sich festgestellt hat. AufGott angeweudet (5 Mos. 32, 4, Ps. 25, 8. 92, 16 rc.) drückt es die vollkommeneGüte und Reinheit seiner Gesinnung gegen die Menschen aus, wird aber in der jetzigenSprache gewöhnlich nicht mehr so gebraucht; um so häufiger steht es von Menschen inihrem Verhalten zu Gott. Im allgemeinen liegt darin der Begriff einer zu ihremhöchsten Ziele gelaugten sittlichen Veredlung des Menschen, bei welcher die innige Ver-bindung des Geistes mit Gott durch das ganze Leben hindurchscheint und sich als dereigentliche Quell jener persönlichen Vollendung zu erkennen giebt. Daß der Begriffeiner sittlichen Veredlung damit verbunden werden muß, ersieht man auch aus der sonstseltenen Anwendung des Wortes auf solche Thiere, die mit dem Menschen in nähererBeziehung stehen und gleichsam etwas von seinen edleren Charaktereigenschaften annehmen.Denn man nennt ein Pferd fromm, wenn es die natürliche Wildheit abgelegt hat unddie menschliche Leitung ihm gewissermaßen zum Bedürfnisse geworden ist. Daß derVerkehr mit Gott die Ursache jener sittlichen Vollendung sein muß, ergabt sich aus demGegensätze ähnlicher Begriffe, wie Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Heiligkeit.Denn in der Gottesfurcht erscheint der Mensch gleichfalls als ein sittlich vollendeter,aber mit dem wesentlichen Merkmale der Scheu vor der Majestät Gottes als des all-sehenden und gerechten Richters. Sie zeigt den Menschen also mehr von der Seite desunermeßlichen Unterschiedes zwischen Gott und ihm. Die Gerechtigkeit, im biblischenSinne (im gewöhnlichen Ausdrucke: Rechtschaffenheit), legt an den Menschen den Maß-stab des göttlichen Gesetzes, faßt ihn also nicht sowohl in seinem Verhältnisse zu Gott,als vielmehr zu der von Gott gegebenen Idee seiner selbst, während die Heiligkeit ihnin dem höchsten Lichte der Gottähnli chke.it darstellt, aber von der persönlichen Stel-lung gegen Gott selbst absteht. Mit letzteren beiden hat die Frömmigkeit also den Be-griff der sittlichen Vollendung gemein; der ersteren aber, der Gottesfurcht, steht sie darinnäher, daß sie wie diese die Gesinnung bezeichnet, welche der Mensch gegen Gott hegt.Sie gehört somit wesentlich dem subjectiven Leben an und will sagen, daß die objectivenElemente der Religion, ihre Lehren, Grundsätze und Sitten zur Ueberzeugung, Trieb-feder und Gewohnheit des einzelnen Menschen geworden seien. Sie ist also gleichbe-deutend mit Religiosität. Das Merkmal der Erregtheit des Gefühls, also der Innigkeit,gehört wesentlich zu ihr, ist aber nicht nothwendig das herrschende Element. Denn dadie Frömmigkeit ihrem Begriffe nach alle Seiten des Lebens umfaßt, so muß sie auchje nach der persönlichen Beschaffenheit des Einzelnen bald in der einen, bald in der an-dern Geistesthätigkeit sich vorzugsweise äußern können. Die vorwiegende Innigkeit desfrommen Gefühls gehört vielmehr der Gottseligkeit an. Wir würden demnach dieFrömmigkeit zu bestimmen haben als das zur vollkommenen persönlichen Ge-sinnung gewordene Gottesleben.
Zum Wesen der Frömmigkeit gehört nun zunächst das Vorhandensein objectivergöttlicher Elemente, auf welche sich die Frömmigkeit bezieht. Sie setzt eine OffenbarungGottes voraus und eine in der Menschheit vorhandene Erkenntnis dieser Offenbarung,die auf irgend einem Wege, durch Wort, Schrift, Bild oder Geberde, an den Einzelnenvon außen herantritt und ihm den Gegenstand der Frömmigkeit nahe bringt. Nach demGrade, in welchem das Wesen Gottes in einem bestimmten Kreise des menschlichenLebens (in einem Volke) erkannt worden ist, bestimmt sich die Art und Weise der Fröm-