Frömmigkeit.
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migkeit des einzelnen, diesem Kreise angehörigen Menschen, sofern er nicht vermöge einerbesondern Erleuchtung von oben oder wenigstens der Ursprünglichleit seines eigenenWesens über die Höhe seiner Umgebungen sich erheben kann. Es ist auf jeder Stufeder Erkenntnis Gottes Frömmigkeit möglich und nothwendig. Aber nur da, wo dasWesen Gottes vollkommen wahrheitsgemäß erkannt ist, da ist auch die ächte Frömmig-keit möglich. Und weil die vollkommene, unbedingt wahre Erkenntnis Gottes nur inChristo, als dem Sohne und wesentlichen Offenbarer Gottes, sich findet, so ist auchnur innerhalb des Christenthums die ächte Frömmigkeit möglich. Jede andere Art vonFrömmigkeit ist nur eine unentwickelte Stufe derselben, wie z. B. die alttestamentliche,oder ein bald mehr, bald weniger mißlungener Versuch, wie die jüdische, im Gegensätzeder christlichen, die muhamedanische, heidnische und insbesondere auch diejenige, welcheauf dem Wege der sogenannten Naturreligion als eine verwaschene Nachahmung christ-licher Frömmigkeit entsteht. So gewiß die Liebe in ihrem Wesen sowohl, als in ihremWerthe nicht eines und dasselbe ist, ob sie sich Gott oder dem Menschen, einem Thiereoder einem todten Geschöpfe zuwendet, und so gewiß nicht die Stärke des persönlichenErgriffenseins vorzugsweise den Maßstab dafür abgiebt, ob die Liebe eine ächte undwahre sei oder das Gegentheil: so gewiß ist Frömmigkeit nicht zunächst nach dem Ernstund der Wärme der individuellen Gesinnung zu beurtheilen, sondern nach der objectivenWahrheit und Wesenhaftigkeit ihres Grundes. Mit andern Worten: es ist ein Unter-schied zwischen der bloßen frommen Meinung und der wirklichen Frömmigkeit, sonstmüßte z. B. Schwärmerei und Bigotterie, wenn sie nur aufrichtig und ernstlich gemeintwären, denselben Werth haben, wie die reinste Art der Gottseligkeit. Das unterscheidendeKennzeichen der wesentlichen Frömmigkeit ist aber darin gelegen, daß sie den Menschenvon der Gebundenheit an die Creatur und von der Selbstsucht befreit, ihn also imhöchsten Sinne des Wortes sittlich macht, während jene halbwahren Arten der Fröm-migkeit stets den Geist zur Creatur zurückführen (z. B. in der Anbetung der Naturherr-lichkeit) oder auf einer verfeinerten Selbstsucht ruhen, wobei der Mensch lediglich in demGenüsse seiner erhabenen Empfindungen sich befriedigt findet.
Wenn wir nun das wahre Wesen der Frömmigkeit nur da anerkennen, wo aucheine wahre, reine und vollkommene Gotteserkenntnis sich findet, so ist damit nicht aus-geschlossen, daß die individuelle Frömmigkeit innerhalb einer sonst mangelhaften Gottes-erkenntnis einen vergleichsweise höheren Grad erreichen könne, als bei einem andernIndividuum, das dem Kreise der reinsten Religion angehört. Denn ebendarum, weil dieFrömmigkeit immer wesentlich eine sittliche Vollkommenheit in sich schließt, nur daß die-selbe aus der Gesinnung der Ehrfurcht und Liebe gegen Gott entspringt, so kann sieschon durch das bloße Befolgen des in das Herz der Menschen geschriebenen Sittenge-setzes (Röm. 2) und durch die ebenso treue, als innige Benützung der in jeder Religionliegenden ursprünglichen Wahrheiten eine Stärke und Reinheit gewinnen, wie sie dem-jenigen abgeht, der zwar eine objectiv reinere Erkenntnis besitzt, aber innerlich von der-selben nicht durchdrungen ist. Nur ist eine solche individuelle Erscheinung, wie überhauptschon eine seltene, so auch insbesondere immer als eine individuelle Ueberwindung derSchranken anzusehen, welche dem Einzelnen durch die Gotteserkenntnis seiner Zeit undseines Geschlechtes gezogen sind. (Wir erinnern an Lessings Nathan. D. Red.)
Den objectiven Bedingungen der Frömmigkeit entsprechen die subjectiven, vorandas, was man als Naturanlage zur Frömmigkeit bezeichnen kann. So sehres nämlich mit den gewöhnlichen Begriffen streitet, so läßt es sich doch aus der Er-fahrung Nachweisen, daß das eine Kind von Geburt an schon einen bestimmten, oft sehrmächtigen Zug zu allem dem hat, was zur Erzeugung der Frömmigkeit dient, währendbei dem andern entgegengesetzte Neigungen sich kundgeben oder wenigstens durchaus keinPositiver Trieb derart sich entdecken läßt. Beispiele davon giebt es auch in der Geschichteberühmter Männer. Das von Zinzendorf, Ver schon in seinem 6. Jahre Briefe an denHeiland schrieb und sie durch das Fenster warf, damit Jesus sie aufhebe, ist eines der