Flattich.
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mit Recht fordern kann, daß er solches verstehen soll. Gleichwie man aber einem jungenMenschen immer zu essen giebt, wenn man gleich kein Wachsthum an ihm verspürt, somuß man auch immer im Lernen fortfahren, wenn man gleich keine Fortschritte wahr-nimmt. Die Fortschritte lassen sich nicht erzwingen. Man muß einen Unterschiedmachen zwischen dem Lernen und den Fortschritten. Das Lernen ist die Arbeit, die Gottbefohlen, die Fortschritte sind der Segen, so nicht bei Menschen, sondern bei Gott steht.Da nun junge Leute nicht müßig gehen sollen, so muß man sie ernstlich zum Lernenanhalten; hingegen mit Zanken, Schelten und Schlägen die Fortschritte erzwingen wollenist eben so viel, als wenn man Gott zwingen wollte. Wenn nun junge Leute lernenund gleichwohl keine merklichen Fortschritte machen, so muß man nicht ungeduldig werden.Vielmehr weil sie eher Ursache hätten, ungeduldig und verdrießlich zu werden, weilsie bei ihrem Lernen keinen Fortgang spüren, und mithin bei ihrer Last kein Vergnügenempfinden; so muß man ihnen zusprechen und ihnen Hoffnung machen, daß es brechenwerde, wenn sie in ihrem Fleiß anhalten würden. Daher ist die Geduld das Vor-nehmste an einem Lehrmeister und wer solche nicht lernen will, der soll auch keiner werden."Auch an dem „äußerlichen Bezeugen" ist viel gelegen. „Ich habe mir," sagt Flattich,„schon öfters gewünscht, den Wohlstand eines Lehrmeisters gegen junge Leute recht zuverstehen und ein solches subtiles Betragen zu lernen, wodurch ich junge Leute gewinnenund sie ohne Rumor regieren könnte." An diesem „cksooro sollolastioo" habe man viel-leicht, meint er, ebensolang zu lernen, als an dem „cksooro oivili." „In Ansehung desfreien Willens muß man mit jungen Leuten sehr vorsichtig umgehen; denn sobald siemerken, daß man ihnen solchen nehmen will, so verlieren sie alle Liebe und werdenwiderspenstig." Will man ihnen daher den Willen brechen, so muß man ihnen in einigenFällen nachgeben, wobei es vornehmlich auf 3 Stücke ankommt, nämlich in was mannachgiebt (nicht in den nothwendigen, wohl aber in nützlichen und schönen Dingen), aufwas Art man nachgiebt (z. B. aus Liebe und indem man merken läßt, daß der jungeMensch nicht Recht habe) und wie lang man nachgiebt (z. B. so lange man für seinePerson etwas nicht leiden kann, soll man nachgeben, bis man es leiden kann). Er hieltdeswegen auch in der Kindererziehung nicht viel aufs Befehlenwollen, desto mehr aufsBeten, weil alle gute Gabe von oben herabkomme; „man will," sagt er, „nicht beten,sondern befehlen, darum gerathen so viele Kinder nicht." Nichts erzwingen wollen, destomehr Liebe beweisen, dies war sein Grundsatz auch bei solchen, ja gerade am meistenbei solchen, welche schwache Gaben oder sittliche Fehler an sich hatten, und er klagt sicheinmal selbst in dieser Beziehung an, daß er zu viel Achtung auf sie gegeben, daß erihnen zu viel gepredigt,*) zu viel mit ihnen gezankt habe. „Wenn die Strafe besserte,"sagt er, „so würde man im Zuchthaus besser werden, aber die Liebe bessert. Wer seineKinder oder andere bessern will, der muß sich auf die Liebe legen und für seine Kinderbeten, daß Gott sie ziehen möge. Dies muß man recht behalten: die Liebe bessert."Damit weist uns Flattich auf die eigentliche Grundlage hin, auf welcher seine motlloäus«ubjöotiva ruhte. Sie war bei ihm kein Erzeugnis pädagogischer Politik, sie ruhte viel-
*) „In der Zucht begieng ich auch diesen Fehler, daß ich viele Gesetze gab und genaudarüber hielt. Weil ich aber eine Freude am Jnformiren hatte und ich die Kinder und dieKinder mich sehr liebten, so suchte ich immer die Sachen besser einzusehen und meine eigenenFehler zu verbessern: denn ich habe mir niemal vorgenommen, daß etwas auf dasjenige Project.so ich gemacht, absolut hinauslaufen müsse, sondern daß durch die Erfahrung in wirklicher Praxisvieles geändert, weggethan und hinzngesetzt werden müsse." Ueber eine andere Frage äußert sichFlattich in beachtenswerther Weise folgendermaßen: „Ich gieng lange Zeit irre mit dem Princip,daß sich der Wille bloß nach dem Verstand richte, bis mich die vielfältige Erfahrung es andersbelehrte und mich darauf die heilige Schrift überzeugte von dem großen Unterschied des Herzensund des Verstandes. Ich habe auch wahrgenommen, daß die Sünde eben das größte Hindernisam Wachsthnm der Seelenkräfte und am Fortgang des Lernens ist." D. Red.
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