Fichte.
381
zu begründen hat (VII. 395). Gefordert wird nun hinsichtlich der Form, daß der wirk-lich lebendige Mensch, hinsichtlich des Inhalts, daß alle nothwendigen Bestandtheile desMenschen gleichmäßig ausgebildet werden (VI. .318; VII. 301). Diese Bestandtheilesind Verstand und Willen; die Erziehung hat die Klarheit des ersten und die Rein-heit des zweiten zu beabsichtigen. Zu diesem Behuf ist an den von Pestalozzi er-fundenen Unterrichtsgang anzuknüpfen, auf welchem gleichfalls der Zögling zum Denkenangeregt und, um zur Realität zu gelangen, zur unmittelbaren Anschauung geführtwerden soll (was dem Grundsatz Fichte's entspricht, die Geistesthätigkeit zum Entwerfenvon Bildern anzuregen). Hierbei ist freilich der erste Misgriff, daß Pestalozzi seine Er-ziehung nur den dürftigen Kindern bieten wollte; daher seine Ueberschätzung des Lesensund Schreibens und seine irrige Ansicht der Sprache als eines Mittels, den Menschenvon dunkler Anschauung zu deutlichen Begriffen zu erheben. Bei dieser halben Erziehung,welche nur zum raschen Broderwerb führen sollte, nützt frühzeitiges Lesen und Schreibennichts, sondern kann eher schädlich werden, indem es von der Anschauung zum bloßenZeichen und somit zur Zerstreutheit und Träumerei führt (VII. 404 flg.; VIII. 358).Erst am Schluß der Erziehung können diese Künste mitgetheilt und der Zögling durchZergliederung der schon vollkommen besessenen Sprache zur Erfindung und zum Gebrauchder Buchstaben geleitet werden. Der zweite Misgriff Pestalozzi's ist, daß er bei seinemA. B. C. der Anschauung von dem Körper des Kindes ausgieng, welcher doch nicht dasKind selbst ist. Die wahre Grundlage ist vielmehr ein A. B. C. der Empfindungen,durch deren klare und folgerechte Entwicklung das Kind erst ein Ich, und die folgendenAnschauungen ihren deutlich erkannten inneren Gehalt erhalten. Das Wortzeichen fügtzu der Erkenntnis nur die Mittheilbarkeit; die Klarheit der Erkenntnis beruht ganz aufder Anschauung, und dasjenige, was man genau in der Einbildungskraft wieder erzeugenkann, ist vollkommen erkannt. Erst an die Entwicklung der Empfindung schließt sichdas A. B. C. der Anschauung, die Lehre von den Zahl- und Maßverhältnissen (VII. 409).Mit der geistigen Bildung muß indes die Entwicklung der körperlichen Fertigkeit zu-gleich fortschreiten (A. B. C. der Kunst, des körperlichen Könnens, vgl. VIII. 357);die richtige Stufenfolge der körperlichen Hebungen ist noch zu erfinden. Dieser ganzeErziehungsabschnitt ist jedoch nur Vorübung zu dem zweiten wesentlichen Theile, derbürgerlichen und religiösen Erziehung (vgl. oben), zu welcher die Philosophie eine be-stimmte Anweisung noch zu geben hat. Hiermit ist die Erziehung beschlossen und derZögling zu entlassen.
Erwähnen wir außerdem noch die Bedeutung, welche Fichte dem Erlernen der altenSprachen, besonders der griechischen, für selbständige Begriffsentwicklung und Veredlungdes Gemüths beimißt (VI. 430; VIII. 354), so werden wir seine Grundsätze über dieErziehung im wesentlichen beschrieben und, so weit dies möglich, im Zusammenhängeunter sich und mit dem ganzen System dargestellt haben. Ihr Gewicht beruht auf dersittlichen Strenge, welche überall für Lehrer und Schüler zum Gesetz gemacht wird,auf der Forderung einer folgerechten und scharfen Entwicklung des Empfindens undErkennens, endlich auf dem zum erstenmale nachgewiesenen nothwendigen Zusammenhängezwischen der Erziehung und der nationalen Anlage. Wir begreifen hiernach, daß Fichtewenn nicht ein Erzieher der Zugend, so doch ein Lehrer der Nation im höchsten Sinnegewesen ist und an der Erhebung des Vaterlandes den bedeutendsten Antheil gehabt hat.Die Schwächen seiner Lehre entspringen abgesehen von dem Mangel an psychologischerBegründung aus der Härte und Schärfe, mit welcher er die Freiheit und Selbständig-keit des Individuums postulirt und zur Grundlage seines Systems gemacht hat. Wieer ein Handeln auf Auctorität hin für ein nothwendig gewissenloses Handeln erklärt(Sittenlehre IV. 175), so fehlt seiner Lehre die Rücksicht auf das Gefühl der ursprüng-lichen Abhängigkeit und Bedürftigkeit des Menschen, und wie erhebend, ja wie religiöser in der Anweisung zum seligen Leben und in der Staatslehre die Liebe zu Gott be-schreibt, so konnte doch das für alle Menschenliebe so wesentliche Gefühl der Barm-
4 ».