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Fönölon.
Moment unbenützt läßt, unwiderbringliche Einbußen verschuldet, und wie jedenfallsdurch weise Gesetze Großes sich gründen und halten läßt. Mit vieler Kunst sind dieverschiedenen Gebiete der menschlichen Thätigkeit in belebten Bildern dem Leser vorAugen gestellt, sind über Landbau, Industrie und Handelsverkehr, Kunstthätigkeit, öffent-liche Erziehung, völkerrechtliche Verhältnisse bedeutsame Lehren eingewebt. Zugleichwird deutlich gemacht, wie bald auch der weiseste König getäuscht, der gerechteste zuUnrecht und Härte verleitet werden kann, wie der Tyrann sich selbst einen Kerker bautund sein Mistrauen auch rings um ihn Mistrauen weckt, wie ein König für jedes Un-recht schwerer als andere Menschen büßen muß, zuweilen nach gemachten Fehlgriffen ver-besseren Einsicht nicht folgen kann, oft unter dem Joche unwürdiger Günstlinge vergeblichnach Befreiung seufzt, wie gerade die absoluten Herrscher die weniger mächtigen sindund die Größe der sie umstrahlenden Herrlichkeit der Größe ihrer Verantwortlichkeit Leiweitem nicht gleicht. Dazu nun noch eine Fülle ganz allgemeiner Lehren für dasLeben: über Besonnenheit und Ausdauer in der Gefahr, über Verschwiegenheit, überdie Sophistereien der Leidenschaft, über die erlaubten Vergnügungen, über die Unter-ordnung jeder Neigung unter das Gebot der Pflicht rc. — Es war eine grobe Ver-kennung FonÄons, wenn man in diesen Schilderungen eine hämische Satire auf Lud-wig XIV und seine Regierung suchte, und völlig verkehrt ist das Bemühen gewesen,bis in das Einzelne die Beziehungen auf Menschen und Dinge jener Zeit auszuspähen(die erste Ausgabe mit so speciellen Ausdeutungen ist die von H. PH. de Limiers,Amsterdam 1719, nach welcher dann ähnliche auch in Deutschland gemacht sind). Aller-dings aber hatte Fönölon selbst unwillkürlich aus dem, was er gesehen nnd erlebt hatte,Züge in seine Darstellungen ausgenommen, und da er an eine Veröffentlichung seinesWerkes nicht gedacht, unbedenklicher und entschiedener alles ausgesprochen, was seinempädagogischen Zwecke zu dieneu schien. Je größer nun damals in Frankreich und Europadas Misvergnügen über Ludwigs Herrschaft war und je seltener bis dahin eine Kritikderselben sich hatte versuchen lassen, desto willkommener war dieses Buch eines so aus-gezeichneten Mannes, das allen Misstimmungen Recht zn geben und zu kühnerer Beur-theilung aufzumuntern schien. Gewiß hat das Werk auch die Neigung geweckt, ausdem Alterthume, bei welchem man bis dahin vorzugsweise Musterbilder für oratorischeund poetische Darstellungen gesucht hatte, auch politische Ideale abzuleiten, an diesendann die Zustände der Gegenwart zu messen und in der gerade hierdurch gesteigertenUnzufriedenheit die Helden und Lebensordnungen des Alterthums in um so helleremLichte zu sehen. Die in dieser Beziehung von Fönölon gegebenen Anregungen habensich durch das ganze achtzehnte Jahrhundert fortgesetzt, das ja überhaupt die Alterthums-studien besonders darum festhielt, weil er sie so kräftig empfohlen hatte. — Die Ge-schichte des Buchs, der zahlreichen Ausgaben, die dieser „Fürstenspiegel" erlebte, derUebersetzungen, durch welche auch andere Völker das Buch sich aneigneten, der Nach-bildungen, die es veranlaßte, würde Gegenstand einer sehr ausgedehnten Darstellungwerden können, wie denn auch eine historische Betrachtung der rein pädagogischen Be-nützung desselben sehr lehrreich sein müßte. Die erste wahrhaft correcte und vollstän-dige Ausgabe (in 24 Büchern) erschien erst nach des Verfassers Tode im Jahr 1717und zeigte die Leichtfertigkeit der wider Fönölons Wollen durch unredliche Procedurenbewerkstelligten ersten Drucke. Aber diese hatten bereits einen erstaunlichen Erfolg ge-habt und dem Verfasser die bewundernde Theilnahme des im spanischen Erbfolgekriegegegen Frankreich bewaffneten Europa zugewandt.
Während dieses Kriegs hat Fsnölon für Frankreich doch die edelste Wirksamkeit ent-faltet und seinen gereiften Zögling, der jetzt als Feldherr sich versuchen sollte, in treuesterWeise, wiederholt unter den bittersten Schmerzen, berathen. Als der Tod des Dauphin1711 den Herzog von Bourgogne dem Throne zunächst gestellt hatte, strebte Fönolonin Verbindung mit den Herzogen von Beauvilliers und von Chevreuse den mit deredelsten Gesinnung erfüllten Fürsten zur Regierung des tief erschöpften und mit Sehn-