Familie, Familiengeist, Familiensinn. Felbiger. 343
schlossenes sein. In dieser Beziehung ist noch ein Moment besonders zu erwähnen, dasnicht wie mehrere andere vorhin besprochene nur unter gewissen ökonomischen und socialenVoraussetzungen Statt finden kann, sondern jeder Familie, sei sie bürgerlich oder adelig,habe sie einen Familiensitz oder wohne sie zur Miethe, durchaus möglich, zur Pflanzungdes Familiensinnes durchaus nothwendig ist: daß nämlich die inner» Angelegenheitendes Hauses auch innere bleiben. Giebt es in einer ehrenhaften Familie z. B. ein Zer-würfnis, so wird das iutra xaristss ausgeglichen; hat eine ehrenhafte Frau über denMann oder er über sie zu klagen, so läuft man nicht zu Nachbarn und Gevattern, zuPontius und Pilatus, sondern trägt sein Leiden in der Stille. Das ist nicht Heuchelei,wofür es eine Art frommer Schwatzhaftigkeit hält, die ihre innersten Herzensangelegen-heiten, ihre Führungen und Erfahrungen alle an die große Glocke hängt; sondern esist der ehrenhafte Sinn, dem die Ehre des Familiennamens höher steht, als die Satis-faction, die das eigne Ich in Publicationen jener Gattung findet. Und hieran «unmüßen auch die Kinder früh gewöhnt werden. Wie es unter ihnen selber als Schandegilt, aus der Schule zu schwatzen, so soll es ihnen auch als etwas ganz niederträchtigesvorgestellt und verwiesen werden, wenn ein Geschwister vom andern etwas aussagt, dasdiesem zur Unehre gereicht (z. B. eine empfangene Züchtigung). Ueberhaupt soll — unddas ist besonders den Plaudertaschen unter den Mädchen immer wieder einzuschärfen —von dem, was im Hause vorgeht, nirgends gesprochen werden; wer das thut, der begehtdas Unrecht, daß er sich als Individuum von der Gemeinschaft, in der er doch leiblichund geistig wurzelt, losreißt, sich als Individuum auf ihre Kosten geltend macht; dasheißt eben den Familiensinn verleugnen. Und da es von Kindern, ohne eigentlich Argeszu wollen, in Gedankenlosigkeit und Leichtsinn geschieht, so muß die Zucht dem steuernund dadurch dem Kind über seine eigne Ehre, die eins ist mit der gemeinsamen, dieAugen öffnen. — Die Kehrseite dieser Abgeschlossenheit nach außen ist die, daß nachinnen alles offen, alles gemeinsam ist. Keines der Kinder soll Verbindungen haben undWege gehen, die dem Hause ein Geheimnis sind; wo das der Fall ist, drohen großeGefahren. In wie weit freilich jedes einzelne Kind alles, was ihm begegnet, was eserfährt, womit es sich innerlich beschäftigt, auch im Familienkreise mittheileu kann undsoll, darüber giebt es keine gemeine Regel, weil dies ebenso von dem Grade der indi-viduellen Mittheilsamkeit als von der Empfänglichkeit, dem Entgegenkommen der andernabhängt. Am leichtesten wird solche Mittheilung dann eintreten und zum Bedürfnis,zur Lebensgewohnheit werden, wenn die Familie sehr klein ist; ein schönes Bild solchenVerkehrs zwischen einer einzigen Tochter und der Mutter, da jene alles, was sie irgendim Herzen trägt und bewegt, mit der Mutter durchspricht und es dann erst eigentlichals ihr geistiges Besitzthum ansieht, nachdem sie es der Mutter gesagt und deren Mei-nung vernommen hat, ist gezeichnet in der Schrift: Emmy Herbert, v. E. Sewell,eingeleitet von G. H. v. Schubert. 2. Ausl. Stuttg. 1858. Palmer.
Familicnerzichung und Jnstitutscrziehung, s. Instituts erzieh ung.Familiemlnterbrülgung , s. Waisenhäuser.
Fassungskraft, s. Erkenntnisvermögen.
Fehler, s. das Böse.
Felbiger, Johann Ignaz von, — so lautet der Name eines Schulmanns,mit dem das Andenken an eine eigenthümliche Phase der Entwicklung des deutschenVolksschulwesens und an den geschichtlichen Ursprung einer namentlich in Oesterreich fürlange Zeit herrschend gewordenen didaktischen Richtung verknüpft ist, weswegen er hiernicht fehlen darf, um so weniger, als seine Wirksamkeit minder gekannt ist und erst inden neueren Bearbeitungen der Geschichte des Volksschulwesens aus dem Helldunkelhervortritt (vergl. Ersch und Gruber und besonders Heppe, Gesch. des deutschen Volks-schulwesens. Gotha 1858. 1859. I. S. 78 f.).
Wie von den äußeren Lebensumständen, so von der inuern Entwicklung des Mannesist uns wenig mehr als das Oberflächlichste bekannt. Geboren den 6. Januar 1724 zu