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Familie, Familiengcist, Familiensinn.
hätte. Dem Mann und der Frau wird der Ort ihres ersten Aufenthalts , das Haus,in das sie von der Hochzeit her eingezogen sind und das erste Eheglück genossen, viel-leicht auch das erste elterliche Leid getragen haben, lebenslänglich theuer bleiben undauch die später gebornen Kinder werden leicht dafür ein entsprechendes besonderes In-teresse gewinnen/ aber in dem Umfang, wie Niehl sich die Consistenz des Familienbesitzesunter obigem Gesichtspuncte denkt, ist dieselbe nur bei adeligen Familien und bei ver-reichen Bauerschaft (dem echten Bauernadel) möglich. Unsere Zeit — die Zeit derKirchentage, der Gelehrtenversammlungen u. s. w. — bietet dafür ein andres, vonweitverzweigten Familien öfters angewendetes Mittel, das freilich nur für die Lebendenvorhanden ist, jedoch, recht gebraucht, auch das Gedächtnis der Todten wach erhaltenhilft, nämlich Versammlungen aller Familienglieder nach bestimmten oder beliebigen Zeit-abschnitten. Ist die Leitung solch eines Familiencongresses in guter Hand, sind beimFestmahl die geistigen Elemente, Rede, Poesie, Gesang gehörig vertreten, so können solcheTage, vorausgesetzt, daß sie nicht zu oft wiederholt werden, für das Leben der Familie,für Las Einwachsen der neueingetretenen Mitglieder und der in ihrem Umkreise gebornenKinder, von großem Segen werden.
ä) In manchen Familien ist es traditionell, dem ältesten Sohn immer denselbenTaufnamen zu geben, überhaupt eine gewiße Stetigkeit in der Namengebung zu beobachten,wie dies in fürstlichen Häusern Sitte ist. Wir wollten diesen Punct hier nicht übergehen,bekennen aber, darauf nicht gerade bedeutendes Gewicht zu legen, da das gleichzeitigeVorkommen derselben Namen bei mehreren Familiengliedern auch sein Unbequemes undMisverständliches hat. Immerhin kann, wie der Taufname überhaupt, so derselbe alsName eines trefflichen Vaters, Großvaters u. s. w. dem Kinde mit zu einem SpornDienen, sich dieses geehrten Namens würdig zu zeigen.
a) Eine edle Frucht alten Familiensinnes haben wir in der Menge von Stiftungenzu genießen, die für alle möglichen Zwecke, namentlich für Studien und für die Armutgemacht sind,- heute noch, zumal da die Behörden jetzt wieder gewissenhafter daraufsehen, daß die Verwaltung im Sinne des Stifters geschieht, wird sich der echte Familien-geist in solchen Handlungen äußern, gegenüber dem auch in mittleren und höheren Kreisennicht seltenen Proletariersinn, der, wie man für sich selber keine Zukunft, keine Ewigkeithofft und fürchtet, so auch an kommende Geschlechter zu denken und sich deshalb etwaszu entziehen für altväterische Thorheit hält. Leid thut es uns andrerseits freilich eben-sosehr, wenn z. B. von Studirenden oft reichliche Stipendien eingestrichen werden, ohnedaß der Empfänger auch nur eine Anwandlung von Dankbarkeit gegen den Stiftcrempfände; daher denn auch die frivole Verwendung solcher Gaben uns weniger wundert.Aber wer vom Elternhause her gewöhnt worden ist, alles derartige, wie unter dem all-gemeinen Gesichtspuncte der Dankespflicht, so speciell unter dem der Familienpietätaufzufaßen, der wird auch als Jüngling solch eine Gabe mit dem rechten Sinn empfangen;das Edle solch einer auf Jahrhunderte hinausreichenden Familiensorge wird ihm fühlbarund in ihm wirksam sein.
l) Manche jungen Leute bringen Familiensinn aus der Heimat mit, aber auf demGymnasium, auf der Universität sehen sie sich unter lauter Fremde hineingestellt, die,wenn sie ihnen auch nahe kommen als Lehrer, als Commilitonen, doch eben in einemganz andern Verkehr mit ihnen stehen, als in dem der Familie. Anfangs vermissen siediese letztere, aber sie gewöhnen sich an dieses Entbehren, und verlieren so leicht denSinn dafür. Deshalb ist es von größtem Werth, daß solche junge Leute, die dies Be-dürfnis haben, Zutritt in Familien finden, wo sie nicht Staatsvisiten zu machen haben,sondern daheim sein dürfen. Ehemals war den Lehrlingen, den Provisoren, Commis,Substituten u. s. w. immer am Familientisch gedeckt; jetzt zahlt man sie aus und schicktsie ins Wirthshaus, um nicht genirt zu sein; damit legt man den Grund zu jener Ge-sinnung, die das Haus als einen Kerker, die Schenke als rechte Heimat betrachtet.
Z) Wir haben oben gesagt, das Familienleben müße ein nach außen relativ abge-