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Familie, Familiengeist, Familiensinn.
daß die Pietät auch zu ungebührlicher Abhängigkeit, die Liebe der Eltern zur Affenliebewerden kann; das sind Ausartungen, die von dem guten und reinen Kerne durchaus zuunterscheiden sind. Auch der Familiengeist hat darin seine Berechtigung, daß das be-ständige Jm-Herzen-tragen, das treue Gedächtnis der Vorfahren, ihrer Tugenden undihrer Erlebnisse nichts als eine Ausdehnung des Gebots ist: „Ehre Vater und Mutter,"die dem Gebot selber durchaus entspricht; daß ferner der Grundsatz, die in der Familievererbte Gesinnung und Sitte festzuhalten, schon an sich — wie alles Jn-Ehren-haltenalter Traditionen — etwas sittliches ist, weil sich hierin die subjective Willkür, dasaugenblickliche Belieben, die ephemere Mode einem Bewährten, einem Objectiven unter-orduet und aufopfert; und daß endlich das Motiv, auch um der Familienehre willennichts schlechtes zu thun, der Familie, dem Namen keine Schande zu machen, zwarnicht das höchste, darum aber dennoch ein wahrhaft ethisches Motiv ist, das gerade dieErziehung nicht verschmähen darf. Es kann so zur wirklichen Vererbung von Familien-tugenden, überhaupt von Familienanlagen, noch das Bewußtsein, der Wille kommen,dieselben als solche auch in der eignen Person zu cultiviren; es kann aber auch, wo eineFortpflanzung derselben auf physischem Wege nicht wirklich ist, jenes bewußte Motivdieselbe gewißermaßen ersetzen und repräsentiren. (Vgl. d. Art. Adelige Erziehung,Bd. I. S. 37.) Für manchen ist schon gerade dieses Motiv, überhaupt das Band, dasihn im Herzen noch ans Elternhaus knüpfte, die einzige bewahrende oder rettende Machtgewesen; wer von dieser Seite keinen Halt hat, der ist entweder als ein Unglücklicherzu bemitleiden, wenn nämlich Eltern und Verwandte von der Qualität sind, daß ihmjede Erinnerung au sie peinlich werden muß, oder ist er einer jener Verkommenen nachmoderner Art, die man, um ihr sittliches Signalement zu geben, heimatloses Gesindelnennt. Freilich geben sich diese oft dafür dm Anschein, als gelte ihre Pietät desto mehrdem Vaterlande; in der Familie ists ihnen zu eng, Väter und Großväter haben Zöpfegetragen, wer wird in solcher Atmosphäre weilen mögen? Aber man weiß auch sattsam,was für Patrioten diese Heimatlosen, diese Verächter der Familie sind, unv dies geradeläßt uns den Familiengeist noch von einer andern Seite würdigen, sofern nämlich auchallein in seinem Schoße der ächte Patriotismus erwächst. Wer nicht zuerst in derFamilie gelernt hat, aus dem eignen Ich herauszugehen und sein Interesse als Indivi-duum mit dem einer sittlichen Gemeinschaft zu identificiren, die er nicht selber ersonnenund gestiftet hat, sondern die schon vor ihm da war, in der die Liebe sich unterordnetund hingiebt: der hat gar nicht die sittliche Kraft zur Vaterlandsliebe; ein Parteigängerkann er werden, ein Patriot wird er nicht. Aber aus demselben Grunde ist auch derKonservatismus so vieler ein innerlich fauler, egoistischer; Riehl hat vollkommen Recht,wenn er a. a. O. S. 275 sagt: „Es vermeint mancher, dessen politisches Glaubensbe-kenntnis in äußerst loyalen und unterthänigen Phrasen abgefaßt ist, er sei ein gar con-servativer Mann. Er ist aber ein Demagog, ein Revolutionär, weil in seinem Hauseder Konservatismus fehlt, weil da aus eitel Vornehmthuerei jegliche überlieferte Sittedes Standes und der Familie weggeworfen ist, weil kein Hausregiment geführt wird,weil die Kinder als sociale Windbeutel aus dem Schoße der Familie hervorgehen."
Was ist nun zu thun, um solchen Familiensinn zu pflegen und großzuziehen inder Weise, in welcher wir ihn als Tugend anzuerkennen haben?
a) In erster Linie wäre hier alles das wieder aufzuzählen, was oben schon unterZiff. 1 genannt wurde als erforderlich, damit das Familienleben seine sittliche Wirkungüberhaupt ausübe. Denn alles, was hiezu dient, macht dem Sohne auch die Heimatlieb; und was ihm dieselbe lieb macht, das weckt und nährt auch den Familiensinn inihm. Zum Bewußtsein kommt ihm dies in der Regel erst durch eine zeitweilige Ent-fernung vom Elternhause; nie mehr als in seinen Ferien empfindet er, was es istum die Heimat. Zieht es ihn, wenn solche Zeiten der Freiheit kommen, nicht mitaller Macht nach der Heimat, so muß in ihm oder in dieser etwas nicht sein, wie essein sollte.