Familie, Familiengeist, Familiensinn.
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Familien, und zwar gerade in den Hähern Ständen, die Kinder wenig Gelegenheit mehr,diese Tugend von ihren Eltern zu lernen; in Häusern, wo Salons und Boudoirs aufseleganteste hergestellt sind, denkt man nicht daran, ein Gastzimmer einzurichten — selbstBruder und Schwester logiren im Gasthof. Eine bürgerliche Familie, die nur einigesEhrgefühl, geschweige denn christlichen Liebessiun in sich trägt, würde solcher Herzlosig-keit sich schämen. Aber andrerseits ist es für die Erziehung ein entschiedener Nachtheil,wenigstens in den engeren Räumen eines bürgerlichen Hauses, wenn ein Trupp Gästeimmer nur abgeht, um einem andern Platz zn machen, sowie wenn Gesellschaftenim Hause statt eine Ausnahme zu sein vielmehr Regel sind. In beiden Fällen kommtes nie zur stillen Häuslichkeit; die jüngern Kinder werden bei Seite geschoben, man hatnicht Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen; die ältern aber werden schon zur Repräsen-tation verwendet; es fehlt also gerade der feste Kern, die in sich selbst ruhende, nachaußen relativ abgeschlossene Lebensgemeinschaft derer, die Gott zusammengefügt hat.Relativ abgeschlossen, sagen wir; denn wenn ein Hausherr so egoistisch ist, daß er, umFrau und Kinder stets zu seiner Verfügung zu haben, ihnen jede Geselligkeit außer demHause verweigert oder erschwert, wodurch auch die Geselligkeit im Hause selbst aufge-hoben wird, so fehlt es an dem nöthigeu Lebenszufluß, an dem wohlthätigen Rapportmit der Außenwelt, durch den uns das eigne Haus erst wieder recht lieb wird. Nichtselten sind sogar gerade solche Familien, da man immer zu Hause sitzt, aber desto mehrdurch unsaubere Canäle sich Neuigkeiten zutragen läßt, Wespennester voll der ärgstenKlatscherei.
2) Geht aus obigem die Bedeutung und somit auch die Verantwortlichkeit derFamilie für die sittliche Bildung hervor: so ist nun das, was wir Familiensinn undFamiliengeist nennen, selbst wieder ein Moment der Sittlichkeit, eine Tugend, auf diedie Erziehung eben deswegen auch speeiell hinzuarbeiten hat, weil sie für das gesammtesittliche Leben einen so wesentlichen Halt- und Stützpunct bildet.
Familiensinn und Familiengeist sind beide ihrem Wesen nach dasselbe; sie sind davorhanden, wo man auf die Familie, auf die Zugehörigkeit der eignen Person zu seinerFamilie mit Bewußtsein einen Werth legt und eben darum das Wohl und die Ehreder Familie völlig als eignes Wohl, als eigne Ehre empfindet und wahrt. Unterschiedensind sie mehr nur nach Grad und Form, sofern 1) der Familiensinn stillerer Natur ist,als Sinn fürs Familienleben, als Empfänglichkeit für das Schöne desselben, als An-hänglichkeit an die Familie, — der Familiengeist dagegen zum Auftreten geneigt ist unddie Interessen, die Ehre der Familie mit Nachdruck und selbst in provocirender Weisegeltend macht; und sofern 2) der Familiensinn sich aufs Haus und dessen nächste, nochlebende, wenigstens noch persönlich gekannte Mitglieder beschränkt, der Familiengeist aberalle Ahnen mitumfaßt — je mehr desto lieber — und einen Cultus mit der Genealogietreibt. Man könnte sagen, Familiengeist sei die adelige, Familiensinn die bürgerlicheForm einer und derselben Gesinnung; allein der vornehmste Stand, selbst die königlicheWürde schließt den lichtesten Familiensinn ebensowenig nothwendig aus, als der Familien-gefit unter der städtischen und ländlichen Bevölkerung fehlt. Es wäre dabei freilichvorerst noch zu bedenken, ob, wenn auch jener als eine concrete Form der Pietät einenunbezweifelbaren sittlichen Werth hat, dagegen dieser, statt eine Tugend zu sein, nichtvielmehr ein Stück Egoismus ist, der sich im praktischen Leben leicht in der häßlichenGestalt des Nepotismus und in sonstiger Ungerechtigkeit sattsam charakterisirt, und derselbst in achtuugswerthen Familien oft dadurch einen höchst fatalen, ranzigen Beigeschmackerhält, daß man für alles, was den Familiennamen trägt, a priori höchlich eingenommenist, alle Zweige der Familie, einzig weil sie zu ihr gehören, preist und bewundert undsich als eine ganz exquisite Race betrachtet, in deren geweihten Kreis z. B. als Schwieger-tochter oder als Schwiegersohn ausgenommen zu werden man sich zu einer so unendlichenEhre rechnen muß, daß man künftig die eigne Familie und Heimat möglichst zu ver-gessen suchen soll. Daß letzteres Nebel daraus entspringen kann, ist ebenso gewiß, wie