Francke's Tod entwickelt hat. Dort wie hier war das Evangelium die Hauptkraft wiedas Hauptziel der Erziehung, nicht als Lehre und Bekenntnis bloß, sondern als Lebenund That, als persönliche Wirklichkeit; aber gewisse einseitige und beschränkte Auf-fassungen und Tendenzen, welche jener altern Zeit anklebten, waren bei Falk überwun-den. Die menschliche Natur wurde von ihm keineswegs mit jener Aengstlichkeit undgleichsam Verzweiflung betrachtet, welche jene früheren zu großen pädagogischen Mis-griffen verleitete. In Halle war das Spiel nicht zugelassen und ein Gebiet freier Be-wegung für den Knaben wurde gar nicht gewährt; es galt nur der Unterschied vonschwerem und leichtern Pflichtübungen und diese letzteren sollten zur Erholung dienen.Bei Einführung der körperlichen Arbeit für die Zöglinge war außer der menschen-freundlichen Rücksicht auf die künftige Sicherung der nothwendigen Lebensbedürfnissenur noch, und zwar vorzugsweise der Gedanke wirksam, durch eine alle Zeit aussüllendeBeschäftigung die Irrwege der Willkür und der Sinnlichkeit zu verhüten; jene Idee einerschaffenden Thätigkeit für einen an sich würdig erachteten Zweck, die wir soeben beiFalk hervorgehoben, blieb fern. Die sittliche Erziehung, soweit sie nicht unmittelbarvon der Religion abhängig gemacht wurde, bestand nur in Beschränkung und Gewöh-nung. So war auch das ganze weltliche Gebiet des Schönen in Poesie und Musikausgeschlossen. Mit Verkennung der Lebensalter und der in ihnen nach göttlichemGesetz sich vollziehenden natürlichen Entwicklung wurde das Höchste der Religion schonvon dem zartesten Alter erwartet und gefordert, sobald nur die Religion in Lehre, Bei-spiel und Hebung dem Kinde nahe gelegt würde; daher die einseitige Anwendung derspeciell religiösen Erziehungsmittel und das Uebermaß der Neligionsübungen. Irrenwir nicht, so liegen in diesen Beschränkungen der Ansicht und des Strebens diejenigenMomente, welche heut zu Tage unter dem Namen Pietismus und pietistische Erziehungim tadelnden Sinn des Wortes zusammengefaßt zu werden pflegen, und es ist klar,daß auf Falk und seine Pädagogik dieser Name nicht Anwendung finden kann. Auchihm war allerdings die menschliche Natur sündhaft und das Leben voll von natürlicherVerderbnis, aber er erkannte neben diesen innern Schwierigkeiten nicht bloß die un-erreichbare Forderung, sondern auch die Anlage des Guten in der menschlichen Natur,mit jenem Verderben kämpfend und zum Siege fähig mit Hülse der Erziehung Gottesund der Menschen. Diese besseren Anlagen verkannte er selbst in den entartetsten Zög-lingen nicht. „Wenn wir sie nur recht verstehen lernen wollen/ sagt er von der jungenmännlichen Natur, „was könnten wir nicht alles gesegnetes und gottwohlgefälligesmit ihr ausrichten; aber so verkömmt sie großentheils hinter unfern trocknen Schulbänkenoder im Schmutz der Gefängnisse." Ihm ist daher die Arbeit der Knaben auch eineSchule schaffender Begeisterung für sie im Sinne jener Culturkraft, welche das Christen-thum seit seiner Einführung in unfern Ländern entwickelt hat. Darum gab es keineängstliche äußere Beschränkung in seiner Anstalt; darum blühete auch der weltlicheGesang und die weltliche Poesie mit ihren unmittelbar sittlichen und gemächlichen Mo-tiven; darum fand auch das Spiel bei ihm sein Recht; darum vermied er auch dasUebermaß gottesdienstlicher Hebungen und fürchtete das leere Wortemachen wie über-haupt, so insbesondere in Sachen der Religion. „Zittert vor allem Schwatzen, selbstvor dem christlichen eurer Kinder, ihr Eltern, sobald ihr inne werdet, daß der Unterricht,den sie erhalten, seines uralten Fundaments im Herzen ermangele" — ruft er in derVorrede zu seinem Büchlein „Ueber die Grenzen der Volks- und Gelehrtenschule" 1821.
Das so eben angeführte Büchlein, hervorgerufen durch die im Jahre 1819 zuLeipzig gegründete pädagogische Gesellschaft (Hand, Weißenborn, Briegleb u. a.), derenEhrenmitglied er wurde, giebt uns Veranlassung, noch einige das weitere Gebiet derPädagogik betreffende Gedanken Falk's anzuführen. Mit aller Energie hebt er auch fürdie Gelehrtenschule die Nothwendigkeit der eigentlichen Erziehung hervor, welche nur zusehr über dem Unterrichte vergessen werde. Darum fordert er möglichste Geltung desClassenshstems, tüchtige Classenlehrer mit unumschränkter väterlicher Vollmacht; der