Ethik.
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höchsten Gutes, daß sie vielmehr in ihr nur eine untergeordnete Bedeutung haben (an-ders stellt sich das Verhältnis in der Geschichte, anders auch in der praktischen Theologie),und es ist eine Verrückung des wahren ethischen Gesichtspunctes, eine Trübung derethischen Anschauung, wenn z. B. die Lehre vom geistlichen Amte, von der Kirchenzucht,vom Gottesdienst in der Ethik anders abgehandelt werden, als bloß sofern der einzelneChrist nach diesen Seiten hin Rechte und Pflichten hat.
Wenn hiernach der Hauptaccent schließlich doch auch heute noch auf die Beantwor-tung der Frage fällt: was muß ich thun, um sittlich gut — also christlich gesprochen:um gerecht, um Gott gefällig zu sein, um selig zu werden: — so hat die christlicheEthik, nachdem sie gezeigt: wie die Idee des Guten d. h. des Göttlichen in der Formdes menschlich freien Wollens, erst in Christus rein und vollständig sich verwirklicht hat,nun darzuthun, wie diese Verwirklichung von ihm auf das ganze Geschlecht übergeht(in oieser Beziehung haben die dogmatischen Momente des Todes, der Auferstehung undHimmelfahrt Christi, wie die Ausgießung des h. Geistes auch ihre wesentliche Bedeutungfür die Ethik). Dieses Uebergehen des geheiligten, göttlichen Lebens von Christus aufdas Menschengeschlecht ist nun aber eben nicht eine Reform und Organisation im großen,sondern eine Seele um die andere muß erst gewonnen werden und für alle ist der Proceßder Umwandlung und Vergöttlichung derselbe — Buße und Bekehrung. Bevor jedochdie Wissenschaft diesen Proceß, d. h. die Genesis der christlichen Sittlichkeit im einzelnenSubjecte schildert, hat sie darzuthun, wie der christliche Geist nicht nur die schon vor-handenen sittlichen Gemeinschaftsformen, Staat und Familie, also den objectiven Lebens-boden für die Existenz des Einzelnen, erneuert hat und heiligt (hier also ist vom Staatezu sprechen, aber nur in so weit, als es die Christianisirung desselben betrifft, — esist der Begriff des christlichen Staates hier zu entwickeln, während die Ausführung imDetail der Staatslehre angehört, die dann ihrerseits zu zeigen hat, ob ihre Grundlage
eine sittliche, d. h. eine christliche ist), — sondern auch, daß er in der Kirche eine ihm
eigene, neue Form der Gemeinschaft geschaffen, und welches die Stellung derselben zurSittlichkeit der Einzelnen sei. Dann erst kommt jene Genesis des Guten im einzelnenSubject durch dessen unmittelbar von Christus ausgehende Neuschöpfung zur Darstellung;eine Neuschöpfung, der das christliche Wachsthum bis zu sittlicher Vollendung folgenmuß, wo sofort auch der Ort ist für die Lehre von den Tugendmitteln, d. h. die Ascetik,die Kunst der Selbsterziehung, in welcher abermals die Parallelen zur Pädagogik sehrmannigfach sind. (Vgl. de Wette S. L. III. § 527.) Und nun erst, nachdem dassittlich Gute als ein im christlichen Leben werdendes, allmählich sich entwickelndes,auch durch Gegensätze sich durcharbeitendes, im Charakter sich vollendendes erkannt ist,wird es noch als ein seiendes, als ein System von Tugenden und Gütern oder von
Pflichten und Rechten vorgeführt, — ein Unterschied, der lediglich die Form der Dar-
stellung betrifft: denn, was in mir als Tugend ist, als Frucht des Geistes (Gal. 5, 22),das muß mir immer zugleich auch bewußt sein als göttlich geboten, d. h. als Pflicht(vgl. Nöm. 13, 8. Die Liebe bleibt immer objectiv eine Schuldigkeit, auch wenn siesubjectiv alles aus freiem Antriebe thut), und ebenso, was für mich ein Gut ist, d. h.was die Ethik als ein wirkliches Gut anerkennt, darauf habe ich auch als Kind Gottesein Recht — dies ist der Punct, von dem aus allein der sonst so schwierige Begriff desErlaubten seine richtige Bestimmung erhält. Dieses System der Tugenden oder Pflichtenist bei den verschiedenen Ethikern verschieden gegliedert; sie unterscheiden entweder einfachSelbstpflichten und Socialpflichten (Kant, Dank, Rothe); oder Religionspflichten,Selbstpflichten, Socialpflichten und Pflichten gegen die Natur, oder Kindschaft Gottes,christliche Persönlichkeit, Nächstenliebe und christl. Verhalten gegen die übrigen Geschöpfe(siSchmid in Tübingen in seinen Vorll.); oder die Pflicht in Bezug auf den Leib unddas leibliche Leben, die Pflicht in Bezug auf die Seele, und die Pflicht in Bezug aufden Geist (Marheineke); oder Frömmigkeit als Mutter aller Tugenden, dann Be-thätigung derselben durch Selbsterbauung, d. h. durch Treue im himmlischen und irdischen