ZOO
Erziehungstalcnt, Takt.
Ethik.
nicht möglich, weil sie eine Sache des Taktes ist. Denn wenn Schleiermacher (KurzeDarstellung des theologischen Studiums H 132) mit Recht dcfinirt, daß Kuust in demSinne, in welchem man auch von Redekunst und Erziehuugskunst spricht, „jede zusammen-gesetzte Hervorbringung (sei), wobei wir uns allgemeiner Regeln bewußt sind, derenAnwendung im einzelnen nicht wieder auf Regeln gebracht werden kann:" so ist ebender Takt dasjenige, was, wo die Regeln aushören, supplirend eintreten muß, wodurchdie Erziehung vorzugsweise zur Erziehungskunst wird und was deswegen auch ein be-sonderes Erziehungstalent voraussetzt.*)
Die bei jedem Berufe so natürliche Forderung, daß der, welcher ihm sich widmet,vor allem sich selbst prüfe, ob er auch den Voraussetzungen genügt, von welchen dieLösung der jedesmaligen Berufsausgabe abhängt, wird leider gerade bei dem Berufedes Erziehers nicht seiten außer Acht gelassen. Wie der in solchen Fällen dem berufs-treuen Manne gewiß sich fühlbar machende Defect des Talentes durch Nachdenken,Studium und gewissenhaften Eifer möglichst zu ersetzen und wie überhaupt das natür-liche Talent in freier sittlicher Thätigkeit auszubilden und anzuwendeu sei, darüber vgl.man den Art. Erzieher (S. 232 ff.). G. Baur.
Erziehungswissenschaft, s. Pädagogik.
Ethik (Moral; Sittenlehre). Wenn wir einen Artikel über diese Wissen-schaft — somit nicht etwa bloß über die Behandlung ihres Inhalts im Schul- undGymuasialunterricht, worüber wir auf den Art. Religionsunterricht verweisen, sondernüber die Ethik selbst hier einreihen, so müßen wir ohne Zweifel mit diesem Gegenstandan diesem Orte anders verfahren, als wenn der Artikel für ein theologisches oder einphilosophisches Werk oder für eine allgemeine Encyklopädie bestimmt wäre; der päda-gogische Standpunct und Gesichtskreis soll auch bei dem, was unter obigem Titelzur Sprache kommt, nicht verlassen werden. Allein wofern wir uns deshalb etwa dar-auf beschränken wollten, bloß diejenigen Partiecn der Ethik zu beleuchten, in welchen sieder Pädagogik ihre Grundsätze leiht oder selber pädagogische Miene annimmt, so müßteuns bei näherem Nachsehen bald eiuleuchten, daß jener Zusammenhang zwischen beidenein viel innerlicherer und darum durchgreifenderer ist. Die Ethik hat nicht bloß eineAnzahl Begriffe mit der Pädagogik gemein; sic hat auch nicht bloß einen Punct inihrem System, wo die Pädagogik mit ihr zusammenstößt oder aus ihr herauswächst(dieser Punct ist das Familienleben, s. z. B. Chalybäus Speculative Ethik. I.S. 376 f. 481; Schleier macher, Christliche Sitte S. 220; Rothe, Theol. EthikIII. S. 679—710): sondern an der Ethik ist alles zugleich auch Pädagogik, nichtbloß in jenem allgemeineren Sinn, in welchem man jeder Wissenschaft, d. h. der Wahr-heit in allen ihren Erscheinungs- und Darsteüungsformen eine bildende, also erziehendeWirkung auf den zuschreiben kann, der sich mit ihr beschäftigt, sondern in einem nähern,unmittelbareren Sinn, da der Gegenstand der Ethik der menschliche Wille selbst und dasihm gegebene Gesetz für seine Selbstbestimmung ist, folglich jeder auf diesem Gebietegewonnene Satz entweder direct sich in eine praktische Regel übersetzen oder aus ihmsich eine solche ableiten läßt. (Vergl. I. H. Fichte, System der Ethik II. 1. S. 158:„Die Ethik, als Lehre von der Bildung des sittlichen Charakters, tritt auch in ein em-pirisch-praktisches Verhältnis. Indem sie die innere Natur des Bösen ausdeckt, indemsie die äußerlich begünstigenden oder hemmenden Elemente seiner Verwirklichung kennenlehrt, wird sie Kunstlehre der Menschenerziehung im einzelnen, wie in der Gesammt-heit.") Selbst wenn die Ethik nichts wäre, als eine systematische Pflichtenlehrc, somüßte sie doch zugleich, um nicht ganz im abstracten zu verharren, irgendwie einenWeg zur Realisirung deS als Pflicht vorgestellten Guten zeigen, müßte lehren, wieaus der Pflicht eine Tugend wird, sie müßte das ethisch Geforderte, das Ideale, auchpsychologisch vermitteln: was wäre dies anders, als schon Pädagogik, d. h. eine Doctrin,
') Vgl. hiemit den Art. Erziehnngskunst.
D. Red.