Erziehungstalcnt, Takt.
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ist, hat keine Gelegenheit, sich taktvoll zu zeigen, schreibt er dagegen für ein bestimmtesPublicum, etwa für die Jugend, so ergeht die Forderung an ihn, daß er in Bezug aufdie Wahl von Stoff und Form taktvoll verfahre. Endlich kann natürlich nur die Sicher-heit des Benehmens in zweifelhaften Fällen auf den Ruhm eines besonderen TaktesAnspruch geben: der Erzieher, welcher die allgemeinen pädagogischen Grundsätze undRegeln mit gewissenhafter Sorgfalt befolgt, ist darum noch nicht taktvoll, sondern erstwenn die Anwendung der allgemeinen Regel auf den besonderen Fall zweifelhaft ist,kann der Takt sich offenbaren. Solche Fälle aber kommen gerade bei dem Berufe desErziehers besonders häufig vor, einmal weil es sich hier um den Verkehr mit Individuenhandelt, welche noch nicht unter der Zucht der allgemeinen Regeln stehen, von welchender gesellige, bürgerliche und amtliche Verkehr der Erwachsenen beherrscht ist, und dann,weil bei der Aufgabe, die Zöglinge aus der Unselbständigkeit allmählich zur Selbständig-keit zu erziehen, immer aufs neue die Frage entsteht, inwieweit einerseits zu verhütenist, daß nicht die wachsende Selbständigkeit in ihrem Recht gekränkt, andrerseits, daßnicht die noch vorhandene Unselbständigkeit durch Unterlassen positiver Einwirkung Ge-fahren ausgesetzt wird. Was zunächst das persönlicheVerhältnis des Erzieherszu dem Zögling anlangt, so würde der Erzieher, der mit den Kindern kindisch wird,ebenso taktlos handeln, wie der, welcher mit äußerlicher Zucht jede freie Bewegung desKindes unterdrückt, und taktvoll nur der, welcher bei aller eigenen Achtung vor demRechte des kindlichen Alters und der Eigenthümlichkeit der einzelnen Individualität dochden Zöglingen eine wahre Auctorität zu werden und dadurch eine wirksame Achtungvor dem Gesetze zu begründen verstünde. Bei der erziehenden Einwirkung imengeren Sinne würde es eben so verkehrt sein, die Zöglinge im Kindesalter sich selbstzu überlassen, als den zum Jüngling reifenden Knaben durch kleinliches Gängeln fort-während in kindischer Unfertigkeit zu erhalten; dagegen verräth sich der Takt des Er-ziehers in der Fertigkeit, mit der wachsenden Selbständigkeit des Zöglings die positiveEinwirkung zu ermäßigen. Der taktlose Lehrer stört das gegenseitige Verhältnisder Zöglinge, wenn er das Lob des einen mit dem Tadel eines andern so mischt,daß jener zu selbstzufriedener Eitelkeit verleitet wird, in diesem Niedergeschlagenheitentsteht oder gehässige Eifersucht gegen den bevorzugten: in dem Munde des takt-vollen ist Lob, wie Tadel ein Sporn zur Pflichterfüllung. Beim Unterrichte wärees eben so taktlos, eine formelle Geistesbildung zu suchen ohne Mittheilung vonStoff, oder Kinder nach Basedow's Manier in roher Aufklärerei mit Dingen be-kannt zu machen, für deren richtige Würdigung ihr Geist noch nicht reif ist, alsmechanisches Anfüllen des Gedächtnisses oder prüde Scheu vor jeder Berührung ge-schlechtlicher Verhältnisse bei Jünglingen, die den Homer und Horaz lesen: der Takt-volle weiß den Stoff so mitzutheilen, daß der Geist geübt wird, und weiß das Bedürf-nis der verschiedenen Altersstufen zu unterscheiden. Bei der Einwirkung auf das sitt-liche Verhalten darf der Erzieher weder durch blindes Zutrauen in den besserenSinn der Zöglinge diese gleichsam herausfordern, den leichtgläubigen zu hintergehen,und so sich selbst lächerlich machen, noch durch inquisitorisches Mistrauen das bessereGefühl verletzen und das Zutrauen der Zöglinge verscherzen. Auf ähnliche Weise hates seine Schwierigkeit bei der pädagogischen Einwirkung auf die einzelnen Seitender Individualität stets das rechte Maß zu finden zwischen Ueberreizung und Ver-nachlässigung des Gefühls zwischen der Hinlenkung des Denkens auf die genaue Erkennt-nis des Einzelnen und auf die Erkenntnis des allgemeinen Gesetzes, zwischen der Sorgefür Abhärtung des Körpers und Erhaltung der vorhandenen Gesundheit, und ganz be-sonders beruht beim Anstheilen von Lob und Tadel, Lohn und Strafe die pädago-gische Unparteilichkeit, welche nicht äußerlich nach dem Buchstaben eines bestimmtenGesetzes urtheilen darf, auf dem richtigen Takt des Erziehers. Doch mag dieses ge-nügen, um das Wesen und die wesentlichsten Aufgaben des pädagogischen Taktes fest-zustellen; für die Lösung dieser Aufgaben bestimmte Regeln zu geben, ist eben darum