Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
297
Einzelbild herunterladen
 

Erziehungstalcnt, Takt.

297

Juristen zwischen beiden Gebieten in der Mitte liegt. Wir nennen die für dieseWirkungskreise angelegten Talente die ethisch-praktischen, nicht um ihnen eine be-sondere Anlage zur persönlichen Sittlichkeit beizulegen, die ja nicht Product der Natur-anlage, sondern der sittlichen Freiheit ist, Wohl aber eine Anlage zur Erkenntnis derallgemeinen ethischen Gesetze und Aufgaben, wie sie für die technisch-praktische Virtuo-sität nicht unmittelbar nöthig ist. Da nun die Wissenschaft im höchsten Sinne auf dieErkenntnis der das Einzelne begründenden allgemeinen Gesetze, die schöne Kunst auf dieunmittelbare Veranschaulichung dieser Gesetze in der einzelnen concreten Erscheinung ge-richtet ist, so dürfen wir sagen, daß das ethisch-praktische Talent und das pädagogischeinsbesondere das Interesse für das Allgemeine der Wissenschaft und für das Ideale derKunst vor dem technisch-praktischen Talent voraus haben und somit zwischen diesemauf der einen und dem wissenschaftlichen und ästhetischen Talent auf der anderen Seitein der Mitte stehen müße: ohne den ein lebendiges wissenschaftliches und ästhetischesInteresse begleitenden idealen Zug und Schwung würde es der Erzieher nicht übermechanische Dressur hinaus zu lebendiger geistiger Erweckung und Anregung der Zög-linge bringen.

Damit das ethisch-praktische Talent bestimmter zum pädagogischen Talentwerde, muß es sich mit der besonderen Anlage, auf die Jugend zu wirken, verbinden.Abgesehen von der allgemeinen Richtung und Fähigkeit, auf den Willen anderer bestim-mend einzuwirken, welche schon im Begriffe des ethisch-praktischen Talentes liegt, beruhtdiese Anlage einmal auf einer natürlichen Zuneigung zur Jugend und zur Be-schäftigung mit ihr und dann ans demVersländnis für ihre besondere Art, ihreAnschauung, ihre Interessen und Neigungen, und zu diesem Verständnis gehört wiedernamentlich ein aufmerksamer und frischer Sinn für die Auffassung und Dar-stellung des Concreten, Anschaulichen und Charakteristischen in der Natur, wieim menschlichen Leben, insbesondere der Geschichte. Und wie die Virtuosität im Unter-richte hauptsächlich auf der Leichtigkeit beruht, diese Einzeluheiten auch aus verschiedenenFächern zu combiniren, damit sie sich gegenseitig erläutern und das allgemeine Ge-setz aus ihnen abgeleitet und erklärt werde: so wird die Erziehung im engeren Sinnedadurch unterstützt, daß mit dem Eingehen in die eigenthümliche Art und Weise, wiedie Jugend eben ist, sich die Fähigkeit verbindet, von da aus immer die Beziehungauf das Ziel zu finden, zu welchem sie herangebildet werden soll, damit der Er-zieher nicht bloß mit den Kindern Kind werde, sondern auch sie mit dem ManneMänner. Die Rücksicht endlich auf die verschiedene Individualität der Zöglinge machtnöthig, daß der Erzieher die Gabe habe, die Eigenthümlichkeit der Einzelnenzu erkennen und zugleich in ihre Individualität sich zu versetzen, um die Wege zufinden, auf welchen jeder nach seiner Weise am sichersten dem Ziele zugeführt wird.Hiermit dürften die Momente angegeben sein, welche in ihrer Vereinigung das Erziehungs-talent constituiren. Ob von einem pädagogischen Genie geredet werden kann,kann zweifelhaft sein. Da Genie, wenn das Wort im Unterschiede von Talent ge-braucht wird, eine geistige Anlage bezeichnet, welche durch ihre ausgezeichnete Kräftigkeitund ihre energische Concentration auf ein bestimmtes Gebiet der geistigen Thätigkeitberufen ist, absolut Neues und Eigenthümliches zu schaffen: so findet dieser Begriffseine eigentlichste und ausgebreitetste Anwendung in der Sphäre der Kunst, derenSchöpfungen gleichsam selbst absolut neue und eigenthümliche Individualitäten sind.Demnächst wird er auf die Sphäre der Wissenschaft übertragen, insoweit es sich hier-um die Auffindung tief liegender und fruchtbarer Principien handelt, so wie auf Ge-biete des praktischen Handelns, welche durch die Mannigfaltigkeit und die stets neuenVerkettungen bedeutender Verhältnisse der menschlichen Thätigkeit auch stets neue undbesonders schwierige Aufgaben stellen, deren glückliche Lösung eine besondere Schnellig-keit und Sicherheit des Blickes und eine ungewöhnliche Thatkraft, überhaupt eine außer-ordentliche geistige Befähigung voraussetzt; in diesem Sinne spricht man von wissen-