Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
294
Einzelbild herunterladen
 

294

Erziehungsprincipien.

reine Natur, frei von allem, was ihr hemmend und entstellend sich anhängen will, freiim Gebrauche aller ihr inwohnenden Kräfte. Da ist Erziehung nicht Erhebung derNatur zur Cultur, sondern Zurückführung aus der Cultur zur Natur. Wie diesesPrincip von Beneke ausgenommen und modificirt worden ist, darüber s. seine Erz.-L.I. S. 10 ff.

2) Objective Seite.

«) Auch hier begegnen uns bei den einen solche Grundanschauungen, deren Objecteine ideale Macht ist, für welche der Zögling gebildet werden soll. Obenan ist in dieserLinie die specifisch religiöse Erziehung zu stellen, in dem Sinne nämlich, in welchemReligion als absoluter Gegensatz gegen alles sogenannte weltliche, wie Staatsleben,Wissenschaft, Kunst u. s. w. gedacht wird, also im Sinne pietistischer Einseitigkeit undExclusivität. Denn obwohl auch in solchem Falle als Ziel der Erziehung die Selig-keit des Zöglings angegeben wird, also wirklich der Zweck der Erziehung in ihm selbst,in seinem persönlichen Heile liegen soll (was die religiöse Fassung des eudämonistischenPrincips, s. 1, st) wäre): so bringt es gerade die genannte Einseitigkeit und Exclusivitätmit sich, daß nicht mehr der Sabbath um des Menschen willen, sondern der Menschum des Sabbaths willen da zu sein scheint, d. h. daß die Religion zu einem starren,traditionell noch mehr erstarrten Gesetze wird, dem gegenüber das rein Menschliche völligignorirt oder vernichtet werden soll, statt daß man es verstünde oder auch nur ver-suchte, das Menschliche mit dem Göttlichen, das Vergängliche mit dem Unvergänglichenins rechte Verhältnis zu setzen, jenes durch dieses zu verklären, dieses in jenem zu reali-siren. Da ist z. B. das Gebet nicht mehr der Trost und die Zuflucht des Menschen-herzens, sondern eine Aufgabe, deren Umfang man möglichst steigert; es soll nicht mehrals Bitte und Dank, als A und O des Menschen Thun heiligen, nicht mehr wie einSonnenblick bald da bald dort ins gemeine Leben hereinglänzen, sondern es soll allesandere, soweit die physische Möglichkeit dies zuläßt, absorbiren, es soll selber zur Arbeit,ja zur Kunst, zur Virtuosität werden. Dies ist zwar von keinem Pädagogen geradezuals Princip aufgestellt und theoretisch ausgeführt worden, aber daß es in der Praxisvorkommt, ist unleugbar; der Vollständigkeit halber mußte dasselbe, als Gegensatzzum ächt religiösen Princip, wie es oben entwickelt wurde, genannt werden. Indieselbe Reihe setzen wir Grundsätze, wie den Diesterweg'schen (s. d. Wegweiser fürdeutsche Lehrer. 1838 I. S. 6): Erziehe dein Kind zur Selbstthätigkeit im Dienstedes Wahren^ Guten und Schönen. Der Ausdruck ist gut gewählt, wir könnten ihnaeceptiren, sobald wir nur erst wüßten, was denn dieses Wahre, Gute und Schöne ist?Ein alter Grieche, ein Humanist aus der Zeit Reuchlin's, ein Kantianer, ein modernerHumanitarier oder Lichtfreund jeder wird dasselbe anders, und keiner wird es sodefiniren, wie wir auf Grund christlicher Weltanschauung es thun. Weniger noch dürftedie von Curtman (in der Preisschrift: Die Schule und das Leben) aufgestellte Formelausreichen: Erziehe dein Kind für die christliche Civilisation, obgleich der Begriff durchden Beisatzchristlich" einen bestimmteren Inhalt gewonnen hat. Sehen wir davonauch ab, daß Civilisation, Civilisiren genauer genommen eine ins große gehende, aufganze Völker bezügliche Thätigkeit ist, an der sich activ zu betheiligen nicht jedermannsAufgabe sein kann (Curtman hat das Wort wohl mehr im passiven Sinne verstanden),so sagt der Satz zu sehr Ickern per iäern: bilde dein Kind für christliche Bildung.

st) Realistischer ist der Erziehungszweck gefaßt von denen, die entweder das Welt-bürgerthum dazu erheben (wie dies auch eine der philanthropistischeu Vorstellungen war,die übrigens auch Kant acceptirt hat, vergl. s. Pädag. v. Rinck S. 18:die Anlagezu einem Erziehungsplane muß kosmopolitisch gemacht werden); oder die die Nation,die Nationalität, das Nationalbewußtsein obenanstellen (dies ist factisch das französischeErziehungsprincip;die große Nation,"die große Armee," das sind Dogmen, die dieErziehung in Haus und Schule beherrschen); oder die den Staat als diejenigehöchste Potenz ansehen, für die jeder einzelne erzogen werden müße (anders ist dies in