Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
292
Einzelbild herunterladen
 

292

Erziehungsprincipicn.

erziehurig einzelner Völker. Eine Correctur jenes Princips läge in dem, wenn wirnicht irren, von Krause irgendwo aufgestellten obersten Gesetz:Erziehe dein Kind so,daß es besser wird, als sein Erzieher." Aber abgesehen davon, daß einer bester alssein Erzieher und doch noch kein Held in irgend einer Tugend sein kann, wollen wirnur an Basedow erinnern, der, wenn er sich im Trinken etwas übersehen hatte, sichseinen Zöglingen in Dessau selber als warnendes Beispiel Präsentirte; dadurch sollte derZögling bester werden als sein Erzieher; ob aber das Experiment gelang, ist eine an-dere Frage. Was ich selber nicht besitze, das kann ich nicht geben; was ich selber nichtkann, das kann ich nicht lehren. Mancher Schüler ist schon viel mehr geworden, alsder Lehrer war: aber dann wars nicht der Lehrer, der ihn dazu gemacht, sonderndie höhere Begabung, der der Lehrer immerhin zur Entfaltung geholfen. Unter dieserVoraussetzung also könnte jener Grundsatz allein Praktisch werden, aber eben, weil eran dieselbe (auch in rein sittlicher Beziehung so gut, wie in Betreff der Begabung)gebunden ist, taugt er nicht zu einem Princip.

2) Bestimmter und in dieser Beziehung geeigneter wäre der Satz, in welchenBraubach (Fundamentallehre der Päd. 1841) die höchste Aufgabe des Pädagogenfaßt: Erziehe dein Kind zu seinem eigenen Erzieher. Darin ist ja nicht bloß der Be-griff der Volljährigkeit, der gediegenen Selbständigkeit, sondern zugleich die sittlicheNothwendigkeit einer lebenslänglichen Zucht ausgesprochen. Aber das Ziel selber, zudem auch die Selbsterziehung, wie das Erzogenwerden nur Mittel und Weg ist, istdurch jenes Princip nicht fixirt, sondern nur weiter hinausgerückt. (Aehnlich ist auchdie Definition, die I. M. Sailer,lieber Erziehung für Erzieher" I. S. 2, ge-geben hat.)

3) Unter obige Kategorie gehört noch die von der philanthropistischen Schule herüberaus häufig aufgestellte Behauptung (z. B. v. Heu sing er, Lehrbuch der Erziehungs-kunst 1797; unter den Neueren von Scherr, Handb. der Päd. 1839 I. S. 437):Die Erziehung habe lediglich die Kräfte und Anlagen, die im Kinde schlummern, dieseaber alle zu wecken und zu entwickeln. Greift dies einerseits zu weit hinaus, damanche Kraft im Menschen liegt, die nicht sein Vater oder sein Hofmeister, sondernerst das Leben, die Kämpfe reifer Jahre in ihm wecken: so ist es andererseits auchdarin verfehlt, daß ganz abgesehen von Positiv schlimmen Anlagen eines Indivi-duums selbst die zum Guten dienlichen Kräfte in sehr verschiedener Richtung ent-wickelt werden können, der Pädagog also, wenn ihm bloß Entwicklung derselben auf-gegeben ist, damit noch schlechterdings nicht weiß, nach welcher Seite er sie in Bewegungsetzen soll. Diesem Fehler haben andere durch irgend einen Beisatz abzuhelfen gesucht;z. B. Greiling (in einer Abh. in Niethammers Philos. Journal 1795):Erziehung istabsichtliche Beförderung der Entwicklung und Vervollkommnung aller Kräfte," alsoentsprechend dem Wölfischen Moralprincip: xsrüos ts, aber auch ebenso unbestimmt; oder Ewald (Vorl. über die Erz.-L. 1808 I. S. 7):Erziehung ist die Summealler menschlichen Veranstaltungen, wodurch die mannigfaltigen Kräfte eines jungenMenschenwesens zu rechter Zeit und in naturgemäßem Verhältnis entwickelt, geübt undzu der wahren Bestimmung des Menschen hingeleitet werden." Hier ist doch auf dieProportion zwischen verschiedenen Kräften und auf die allgemeine Bestimmung desMenschen hingewiesen; aber gerade diese letztere kann noch sehr verschieden gefaßt wer-den, es ist vorerst nur ein formeller Ausdruck, der seines Inhalts noch gewärtig ist.

b) Principien, die ein bestimmtes Ziel vorstellen, eine festumgränzte Idee, diedurch die Erziehung realistrt werden soll; sei es, daß dieselbe auch ihrem Inhalte nachidealer und spiritueller Art ist, eine Idee, die gleichsam über den reellen Dingen schwebt,oder daß sie der greifbaren Wirklichkeit augchört, also mehr materieller Natur ist. Dabeimacht es aber einen wesentlichen Unterschied, ob das, wozu und wofür der Zögling er-zogen werden soll, in ihm selbst liegt oder ob cs eine außer ihm bestehende, universellerePotenz ist, zu welcher er sich nur als Mittel verhalten, der er nur dienstbar sein soll,