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Erziehungsanstalten.
Für dieses Salz ist eben durch die Künstlichkeit des ganzen Anstaltsorganismus wiederreichlich gesorgt. Da muß alles nach der Uhr, in fester Ordnung, so zu sagen, nachdem Takt geschehen, was sich im Heimathause mehr im recitativischen Tempo treibenläßt. Für Söhne, für künftige Männer bietet solch ein Anstaltsleben eine Gelegenheitzur Uebung von sehr werthvollen Eigenschaften: Ordnung, Pünktlichkeit, Gehorsam,Unterordnung unter das Gesetz, Verleugnung von Bequemlichkeiten um höherer Rück-sichten willen, körperliche Abhärtung re. Werden aber nicht die Gemüther der Knabenund Jünglinge durch die Entfernung aus ihrem Heimathause den zarteren Empfindungender Eltern- und Geschwisterliebe entfremdet? — Nichts weniger als das.Der Knabe schon, so gerne er bei Eltern und Geschwistern sein mag, hat doch einenmerkwürdigen Trieb ans dem Elternhause hinaus. Wo ist ein gesunder, echter Knabe,der sich nicht, wenn auch mit Zittern, freute auf die Zeit, wo er das warme Nest desVaterhauses verlassen soll? Es treibt ihn hinaus in das unbekannte Leben; aber erblicktnun von draußen nur mit um so größerer Innigkeit nach dem Kreise des lieben Heimat-hauses zurück. Am Entbehren desselben erkennt er erst seinen Werth, und nun ohne diemannigfachen liebenden Handreichungen von Eltern und Verwandten wird er erst rechterkenntlich für sie werden. Wie freut ihn jeder Brief aus der Heimat, jeder Besuchvon da! Wie zählt er die Wochen, die Tage und Stunden, bis er seine Lieben Wieder-sehen darf! Wer je so ein Anstaltsvölklein hat sich in die Vacanz rüsten und in sie hatausziehen sehen, der lacht der Sorge, die Anstalt mache kalt für die Heimat. Und trotzdem jubelnden Auszuge nach der lieben Heimat hat Schreiber dieses seine Zöglingein der Regel nach einigen Wochen immer wieder fröhlich in ihre Anstalt zurückkehrensehen *).
Bedenklicher als alle diese genannten Bedenken dürfte die ökonomische Ab-hängigkeit der meisten Privaterzichungsanstalten sein; denn sie kann allerlei wesent-liche Uebelstände herbeiführen. Frequenz der Zöglinge bedingt den ökonomischen Wohlstandder Anstalt und mittelbar auch die Tüchtigkeit ihrer Leistungen; und doch tritt eine zugroße Zahl der Zöglinge der gehörigen pädagogischen Berücksichtigung der einzelnen wiederin den Weg. Gunst des Publicums aber, Zufriedenheit der Eltern und Zöglinge wirkenauf die Frequenz, und daraus ergeben sich oft sehr versachliche Collisionen in Beziehungauf den Lehrplan, auf Aufnahme, Behandlung oder Entlassung der Zöglinge rc. Einfestes Widerstreben gegen windige Forderungen des Zeitgeistes oder unpädagogischeZumuthungen der Eltern, ein energisches Eingreifen gegen eingerissene Uebelstände rc. hatschon manche Anstalt mit Entvölkerung bedroht. Das ökonomische Interesse, zunächstnur als Interesse der Selbsterhaltung genommen, drängt leicht über manche Skrupelbei Aufnahme wenig begabter oder ungenügend vorbereiteter Knaben und Jünglingehinüber, die dann den anderen zu Hemmschuhen werden. An verzogenen Jungen, andenen die Zucht des Vaters und der öffentlichen Schule erlegen, soll das Institut einMeisterstück machen; je und je sind es gar sittlich angefressene Individuen, deren Einflußbei dem engeren Zusammensein mit anderen Zöglingen um so nachtheiliger zu wirkenvermag u. dgl. — Das sind keine eingebildeten Gefahren. Sie sind nicht leicht zunehmen: aber manche lassen sich mit der rechten Weisheit von oben beseitigen oderwenigstens vermindern. Ist der Director, er sei nun selbst Eigcnthümer der Anstaltoder Bevollmächtigter, sich seiner Pflichten vor Gott und Menschen bewußt, weiß er sichals Diener des Herrn an der ihm vertrauten Jugend, so wird ihm auch zur rechtenZeit immer die nöthige Weisheit werden, an den Klippen vorbeizukommen. Die größereFreiheit und Elasticität der Privatanstalt macht die Aufnahme und zweckmäßige Ein-
*) Dennoch aber bleibt es zu bedauern, wenn ein Knabe ans den im Obigen angegebenenGründen zu frühe die Familie verlassen muß, in der sein Gemüthsleben nach Gottes Einrichtungseine Pflege finden sollte; die Güter, die er durch das Vermissen erst recht schätzen lernt, sollteer fortwährend genießen, um ihren stillwirkenden Einfluß zu erfahren; vgl. unten S, 28 L. D. Red.