Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
275
Einzelbild herunterladen
 

Erziehung, verkehrte Richtungen in derselben. Erziehungsanstalten. 275

minder deutlichen Regungen unvermerkt bei uns ein. Jean Paul hat in der Levana(H 22) ein ergötzliches oder vielmehr beschämendes Verzeichnis der verschiedenartigen und zumTheil sich geradezu widersprechenden Maximen gegeben, welche die erziehende Thätigkeit„gewöhnlicher Eltern" abwechselnd bestimmen: es wird bei näherer Betrachtung nichtschwer werden, sich zu überzeugen, daß selbst Pädagogen von Fach verschiedene undentgegengesetzte Pädagogismen mehr als billig in das Handwerk sich pfuschen lassen.Die schwächliche Pädagogik regt sich, wenn einem Kinde, damit es nur Ruhe halte, einSpielzeug preisgegeben wird, das ihm besser verweigert würde, und im nächsten Augen-blicke geht sie in Rigorismus über, wenn dem Kinde, weil es dem reizbaren Vater zulaut geworden ist, absolute Ruhe geboten wird. Der Jntellectualismus macht sich breit,wenn man die Schüler nichts will lernen lassen, als was ihnen bis ins einzelnste hineinvollkommen verständlich ist, und ihnen z. B. das Vaterunser vorenthalten zu müßenglaubt, bis sie einen klaren Begriff von dem Reiche Gottes haben; dagegen sieht es nachMechanismus aus, wenn Kinder, bevor sie nur lesen können, angehalten werden, denganzen luther'schen Katechismus „herzubeten." Der Vater fördert den Individualismus,wenn er vor dem Kinde äußert: „Was kümmert mich dasUrtheil anderer? Ich kümmeremich um sie nicht, mögen sie auch mich unbehelligt lassen;" aber socialistisch verfahrendie Erzieher, welche ihren Verboten nicht andern Nachdruck zu geben verstehen, als mitdem üblichen: „Schäme dich! Was werden die Leute dazu sagen?" Und selbst nachMaterialismus schmeckt es, wenn der Erzieher bei sich selbst und bei den Zöglingeneine passive Nachgiebigkeit gegen eine kleine körperliche Verstimmung duldet, als ob devGeist von dem Körper absolut abhängig wäre und nicht auch seinerseits auf den Körperanregend und erfrischend einwirken und ihn erhalten und gewöhnen könnte, ein dienst-williges Organ des Geistes zu sein. Es gilt, durch eine ebenso umfassende, als ein-dringende Kenntnis des Terrains, auf welchem man zu arbeiten, des Objectes, aufwelches man einzuwirken, des Zieles, welches man zu verfolgen, des Weges, auf welchemman zu gehen, und der Mittel, welche man zu gebrauchen hat, die Pädagogismen desrelativen Rechtes der Existenz zu berauben, indem man ihnen allen Anlaß entzieht,eine vernachläßigte Wahrheit durch einseitige und übertreibende Hervorhebung zur Un-wahrheit zu verkehren. G. Baur.

Erziehungsanstalten. In gewissem Sinne sind alle Schulen Erziehungsanstalten.Wehe der Schule, die es nicht ist! Wir fasten aber hier die Erziehungsanstalten alssolche, die mit dem Schulunterrichte das Ganze der geistigen, sittlichen und leiblichenPflege auch außerhalb desselben verbinden, und beschränken uns hier auf Privater-ziehungsanstalten für Söhne der mittleren und höheren Stände. Vonjeher haben sich die verschiedensten Strebungen auf dem Felde der Erziehung mittelst sol-cher Institute geltend zu machen und die Söhne der gebildeten Stände in die ihnen ge-nehme Strömung hineinzulenken gesucht (man denke an die Philanthropine, an Schnepfen-thal, Jferten, Hofwhl rc.). Eine nicht unbedeutende Anzahl dieser Söhne erhielt und erhältnoch in solchen Anstalten die Grundlage ihrer Bildung. Die Frage nach dem Werthe der-selben ist darum für den Culturpolitikcr wie für den Pädagogen keine müßige. Wir verge-genwärtigen uns deshalb hier 1) die Berechtigung derselben und halten dann:2) die Schatten- und Lichtseiten gegen einander.

1) Privaterziehungsanstalten werden nicht selten zum Bedürfnis für dieEltern aus äußern und innern Gründen. In manchen Fällen wäre zwar durchöffentliche Schulen für einen entsprechenden Unterricht der Söhne gesorgt; aber esmangelt an der nöthigen erziehenden Aufsicht und Pflege des Hauses: Verwaisung,Zeitmangel des vielbeschäftigten Vaters, Mangel an erziehendem Geschick der Eltern,Kränklichkeit, störende Einflüsse von Verwandten, sonstige Gebrechen und vielleichtZerrüttungen des Familienlebens und Familiensinnes rc., dadurch wird eine Ver-setzung des Sohnes aus dem Hause wünschenswerth, nothwendig. — Oder aberdas Haus und seine erzieherische Thätigkeit wäre gesichert, allein es fehlt an einer