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Erziehung, verkehrte Richtungen in derselben.
Strafen aussehen sollten, es aber doch in der That waren (s. d. Art. Basedow undBahrdt). Sehr natürlich! denn da ja doch wirkliche Vergehen der Zöglinge nicht aufeinem Defect der Erkenntnis beruhen, sondern auf einem Widerstreben des ungeordnetenWillens gegen das wohl erkannte Gesetz: so kann die Erziehung sich der Nothwendig-keit nicht entziehen, durch eine von sittlichem Unwillen betonte ernste Mahnung auf Ge-fühl und Willen zu wirken und durch die Strafe dem Zögling das Bewußtsein zu er-wecken, daß das Gesetz, dessen Befolgung gefordert wird, nicht ein Product der Willkürist, sondern eine heilige reale Macht, welche an dem, der sich gegen sie auflehnt, em-pfindlich sich rächt. Allerdings aber muß eine Zeit kommen, wo das Gesetz aufhört,unterstützt durch die Auctorität des Erziehers und die drohende Strafe, dem Zöglingnur äußerlich gegenüberznstehen, wo er vielmehr insofern sich selbst ein Gesetz gewordenist, als er mit klarer Einsicht in dessen Grund und Bedeutung eS in sich ausgenommenhat; und darum muß man sich vorsehen, daß nicht die Opposition gegen den einseitigenIntellectualismus in die entgegengesetzte Verkehrtheit sich verrennt, welche man alsMechanismus bezeichnen könnte, weil sie gar nichts dafür thut, daß derZögling vonden an ihn ergehenden Forderungen ein eigenes Verständnis und damit die Möglichkeiteiner selbstbewußten und wahrhaft selbstthätigen Pflichterfüllung gewinne. — Vgl.Raumer, Geschichte der Pädagogik III. S. 255 ff. — Palmer, Evang. Pädagogik(1. Ausl.) I. S. 18 ff. 114. 232. — Wiese, Die Bildung des Willens. Berlin 1857S. 28 ff. — Ders., Deutsche Briefe über engl. Erziehung S. 7. 41 ff. 53 ff. —B aur, lieber die neueste Umgestaltung in der deutschen Pädagogik; Theol. Sind. u. Kr.1854 S. 713 ff. — Briefe über „den Pietismus als Erziehungsfehler" in den flie-genden Blättern aus dem Rauhen Hause. 1858 S. 225 ff.
4) Es wurde bereits darauf hingedeutet, daß die naturgemäße Erziehung imRousseau'schen Sinne gerade das eigentliche Wesen der Natur des Menschen, wornachdieser bestimmt ist ein sooiais animal zu sein, übersah und darum ihren Gegenstandnur in dem von der Gesellschaft isolirten einzelnen Zögling erkannte. Aus dieser Ver-kennung der Beziehung des Individuums überhaupt und des Zöglingsinsbesondere zur Gesellschaft erwächst wieder eine Reihe falscher Richtungenin der Erziehung. Die so eben angedeutete Grundverkehrtheit in dieser Hinsicht, welcheals ihr Object nur den vereinzelten Zögling erkennt, kann man als Subjectivis-mus, oder, da es sich doch um eine falsche Stellung des Objectes der Erziehunghandelt, minder mißverständlich als Individualismus bezeichnen. Dieser Indivi-dualismus kennt nur Rechte des Zöglings und mannigfaltiges Unrecht, welches von derGesellschaft der unschuldigen, reinen Kindernatur angethan worden ist; von den Pflichtendes Zöglings gegen das Ganze, dem er angehört, gegen die Gesellschaft, gegen seinVolk und Vaterland und von dem Unrecht, welches dem Ganzen durch einen Einzelnenwiderfährt, der in seiner selbstsüchtig isolirten aufgeblähten Subjectivität nur sich selbstleben will, davon weiß diese rücksichtsvolle und überzartc Pädagogik nichts. Bei derJsolirung des Zöglings wird zugleich vergessen, daß er für die realen Verhältnisse,welche den Organismus der Gesellschaft constituiren, erzogen werden soll, für Familie,Staat und Kirche, und wie sehr er durch diese Verhältnisse erzogen wird: der Individua-lismus geht in einen abstracten Formalismus über, welcher kein inhaltsvolleres Zielder Erziehung kennt, als, nach Salz man n's Formulirung, „Hebung und Entwicklungder jugendlichen Kräfte." Und in der Einbildung, durch das völlige Absehen von demEinfluß und von den Forderungen der geschichtlich gewordenen realen Grundlagen deswirklichen Lebens das rein Menschliche, den nirgends existirenden „Menschen an sich"hervorbilden zu können, stellt sich diese Verirrung zugleich als verkehrter Humanis-mus dar. Es thut dringend noth, und diese Nothwendigkeit wird — Gott sei Dank! —auch immer allgemeiner und lebhafter anerkannt, daß in die moderne, für das Rechtder Individualität nur allzurücksichtsvolle Erziehung etwas von dem gediegenen Metalljener Gesinnung komme, welche einst auf das Grabmal bei den Thermopylen schrieb: