Erziehung, verkehrte Richtungen in derselben.
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jenige falsche Richtung in der Erziehung, welche sich damit begnügen zu dürfen glaubt,nur der eigenen Entwicklung der Natur des Zöglings Raum zu verschaffen, ist derNaturalismus. Von dem libertinistischen Gewährenlafsen unterscheidet sich derNaturalismus in der Erziehung sehr bestimmt dadurch, daß er auf die Erziehung über-haupt einen großen Werth legt und ihr insbesondere zutraut und zumuthet, daß sie dieKraft besitze, den üblen Einflüssen der verderbten Gesellschaft auf das Kind zu begegnen;aber in der Aufgabe, nur die Hindernisse der dann von selbst erfolgenden normalenEntwicklung der kindlichen Natur zu entfernen, concentrirt sich dem Naturalismus ebenauch der gesammte Zweck der Erziehung. Auch er ist großenteils durch eine entgegen-gesetzte Einseitigkeit hervorgerufen worden, welche man als Positivismus bezeichnenkann, insofern sie um das, was in der Natur des Zöglings etwa gegeben oder angelegtoder von ihr gefordert ist, sich gar nicht kümmerte, sondern nur die Zöglinge zu denkonventionellen Formen des äußeren Lebens zuzurichten und ihren Köpfen das üblicheUnterrichtsmaterial einzuarbeiten bemüht war. Nachdem hiegegen schon WolfgangRat ich und Amos Comenius (s. d. Art.) die Forderung eines „naturgemäßenUnterrichtes" betont hatten, ohne jedoch eine positive Einwirkung auf den Zögling aus-zuschließen, fand endlich der extreme Naturalismus durch I. I. Rousseau seinenprägnantesten Ausdruck. Das charakteristische Spmbolum dieses pädagogischen Naturalis-mus steht in aller Bündigkeit gleich zu Anfänge des „Emil": „Alles ist gut, wie esaus den Händen des Schöpfers kommt, alles artet aus unter den Händen deS Men-schen" ('laut sst bisn sortant Los uraius cks l'autsur äss olrosss; tont ckägäubrsentrs los mains äs I'twmms), und daraus folgt denn bald die nicht minder charak-teristische Vorschrift für das Verhalten der Erzieher: „Um diesen seltenen Menschen (denNaturmenschen) zu bilden, was haben wir zu thun? Allerdings viel: nämlich zu ver-hindern, daß irgend etwas gethan werde" (Uour torinsr ost bomms raro, gu'avonsnorm n tniro? Uoanoonp, saus ckonts; o'ost ä'oinxeokikr gno rlen no sott kalt).Damit nun sein Zögling von all den nachtheiligen Einwirkungen der Menschen ferngehalten werde, muß ihn Rousseau nach dem Muster seines pädagogischen Ideals, desRobinson Crusoe, von allen Berührungen mit der Gesellschaft isoliren. Es ist sonachklar, daß der pädagogische Naturalismus unter der Natur des Zöglings, welcher gemäßer diesen erzogen wissen will, nur die Natnr des isolirten Individuums verstehen kann,und dieser Natur ist eben nur das thierische Bedürfnis nach sinnlichem Wohlbefindeneigen, denn der Sinn für höhere Zwecke geht dem Menschen erst in der Gesellschaftauf. ».Daß nun aber eine Erziehung, welche keine Tendenz hätte, als der Natur injenem Sinne freien Spielraum zu verschaffen, nicht Menschen erziehen würde, sondernBestien, vas kann eben so wenig einem Zweifel unterliegen. Der Naturalismus vergißteben, daß die eigentliche Natur des Menschen nicht in der leiblichen, sondern in ver-geistigen Seite seines Wesens liegt, daß er dieser geistigen Seite nach zur Ebenbildlich-keit Gottes, zur Verwirklichung des göttlichen Gesetzes berufen ist, und zwar im Ver-kehre mit andern Geistern, ohne welchen sein höheres Leben nicht erwachen kann undgeistiges Leben überhaupt nicht denkbar ist. Wem zur Bestätigung dieser Sätze derErfahrungsbeweis aus dem Beispiele von Kindern nicht genügt, deren natürlichem Ge-lüsten man nicht einmal durchaus, sondern nur in hohem Grade nachgegeben hat, derwerde verwiesen, nicht auf den Paragraphen eines Dogmatikers über die Erbsünde, son-dern auf die Aussprüche zweier Philosophen. Hegel sagt (Werke XVIII. S. 29—60):„Der Mensch ist nicht von Natur, was er sein soll. — Der Naturzustand ist derStand der Roheit, Gewalt und Ungerechtigkeit. Er Pflegt häufig als ein vollkommenerZustand der Menschen geschildert zu werden, sowohl nach der Glückseligkeit, als nachder sittlichen Güte. Es ist aber zu bemerken, daß die Unschuld als solche keineu morali-schen Werth hat, insofern sie Unwissenheit des Bösen ist und auf dem Mangel an
Bedürfnissen beruht, unter welchen Böses geschehen kann.-Ursprünglich folgt der
Mensch seinen natürlichen Neigungen ohne Ueberlegung oder mit noch einseitigen,