Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
266
Einzelbild herunterladen
 

266

Erziehung, verkehrte Richtungen in derselben.

Schwierigkeiten und an der Anerkennung, die ihnen von den Erziehern dafür zu Theilwird, und von dem in sich selbst befriedigten Spiele richtet sich in der Sehnsucht, großzu werden, der Blick auf ein ferneres Ziel, um dessen willen auch die an sich wenigererfreulichen Arbeiten der zweimal sieben Dienstjahre der Schulzeit willig übernommenwerden. So reift der Zögling allmählich zu der bewußten, ernsten, pflichtmäßigenThätigkeit des Mannes heran, während die spielende Pädagogik in kindischer Unfertig-keit, Willkürlichkeit und Zerfahrenheit seine Kraft erschlaffen läßt. — Nahe verwandtmit der spielenden ist die weichliche Pädagogik. Während jene dem Zögling diePflichten erläßt, deren Erfüllung auch von dem kindlichen Alter bereits gefordert werdenmuß, räumt ihm diese vorzeitig Rechte ein, welche ihm noch nicht zustehen. Schwache,Lberzärtliche Eltern können es nicht abwarten, bis das Kind groß ist, können es nichtmit ansehen, daß es sich Genüsse versagen soll, die den Erwachsenen zukommen, undindem sie ihm so den Preis des Zieles vor der Zeit schenken, berauben sie es deskräftigen Strebens, das Ziel zu gewinnen, und lähmen die Kraft, welche im Ringendanach sich üben sollte. Dafür kann daun keinen Ersatz bieten, daß den Kindernauch das Verhalten der Erwachsenen zugemuthet wird, vielmehr wird auch dadurch nurdie Kraft einer gesunden und naturgemäßen Entwickelung gebrochen, Altklugheit undNaseweisheit im Denken und Reden anerzogen und eine leere Form im äußeren Be-nehmen, welche die innere Unordnung des Willens eher, sie verhüllend, fördert, als be-seitigt. Die spielende sowohl als die weichliche Erziehung aber stören das Auctoritäts-und Pietätsverhältnis zwischen Erzieher und Zögling und entziehen damit aller päda-gogischen Einwirkung den festen, gedeihlichen Boden, jene, indem sie in ungehörigerWeise den Erzieher dem Zögling gleichstellt, diese, indem sie eben so verkehrt den Zög-ling vorzeitig zum Erzieher erhebt. — Was nun die beiden genannten Verkehrtheitenin dieser Beziehung zu wenig thun, das thut die falsche Richtung, welche wir alsRigorismus in der Erziehung bezeichnen können, zu viel. Der Rigorismus vergißt,daß die Unmündigen denn doch allmählich Mündige werden sollen, er legt nur Werthauf das, was nach seinen bestimmten Regeln zu seinen bestimmten Zwecken erfolgt; erläßt der Neigung und freien Selbstthätigkeit des Zöglings gar keinen Spielraum, son-dern sucht etwas darin, ihnen zum Trotz nur seine Befehle durchzusctzeu; das Auctori-tätsverhältnis behandelt er, als ob es nicht ein im Verhältnis der wachsenden Selb-ständigkeit des Zöglings zur Abnahme bestimmtes, sondern ein stets in derselben Weisepermanentes wäre. So übergiebt er den Zögling dem freien Verkehr der Gesellschaftmit eben so schlechter Vorbereitung, als die spielende und die weichliche Pädagogik:schwächere Naturen drückt er auf immer zu einer ängstlichen und kleinlichen maschinen-mäßigen Thätigkeit herab, stärkere reizt er zum Trotze, in welchem sie, endlich sich selbstüberlassen, nur zu leicht jede Schranke überspringen, um häufig die rechte Verbindungvon Freiheit und Ordnung im Leben nie wieder zu finden. Bergl. Schleiermacher,a. a. O. S. 311 ff., auch 108 ff. Hegel, Rechtsphilosophie S. 237. Herbart,Umriß pädagogischer Vorlesungen S. 131 ff. Kant, Pävagogik (Hartensteins Aus-gabe X. S. 416 ff.).

3) Eine dritte Reihe von pädagogischen Verkehrtheiten geht aus der falschen Beant-wortung der Frage hervor, wie die pädagogische Einwirkung gegenüber derNatur des Zöglings sich zu verhalten habe. Eine auf dem Grunde genauer, er-fahrungsmäßiger Bekanntschaft mit der kindlichen Natur in ihrer concreten Wirklichkeitihrer vollen Aufgabe sich bewußt gewordene Erziehung begnügt sich nicht mit der bloßnegativen Thätigkeit, die nur wegräumen will, was die Natur des Zöglings in ihrerEntwicklung hemmt, auch nicht mit einer bloßen positiven Anregung, sondern sie weiß,daß sie manche Regungen der kindlichen Natur durch die Zucht beseitigen oder zurück-drängen, manches, was sie in ihr einst finden will, mit Mühe und ausdauernder Treueerst pflanzen muß. Dadurch, daß von dieser umfassenden Aufgabe nur ein oder dasandere Moment einseitig berücksichtigt wird, entstehen verschiedene Verirrungen. Die-