Erziehung.
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a) Da die Erziehung (s. oben) ihren Zweck im Zögling selber findet, mithin ihmnichts aufdringen will, was seinem Wesen, seiner wahren, ursprünglichen Natur fremdwäre, sondern nur das, was er an sich ist, aus der Potentialität zur Actualität erhebenwill, so hat sie dem im Kinde selbst sich regenden und entwickelnden Leben nur zuzu-sehen, nur werden zu lassen, was werden will. Das ist aber bereits nicht ein passivesAssistiren; denn jenes Leben hat vom ersten Augenblick an mit feindlichen Mächten zukämpfen; es stellen sich Hemmnisse und Gefahren in den Weg, die, damit werden kann,was werden will, erst hinweggeräumt oder ferne gehalten werden müssen. Um nun so-wohl jene Regungen des Lebens in seinen Stadien und Uebergängcn als auch diese Ge-fahren und Hindernisse gewahr zu werden, bedarf es des Achthabens, der Wachsamkeit;um diese wegzuräumen und zu verhüten, der Sorgfalt. Schon diese zwei Erziehungs-mittel greifen weit; sie finden ihre Anwendung von der Wochenstube an, wo durchs grüneWiegentuch des Säuglings zartes Auge vor grellem Tageslichte geschützt wird, bis zuder Sorgfalt des Vaters, der schlimmen Umgang, schlimme Lectüre rc. von seinem Sohnefern hält — ferne durch eine vorsorgende Thätigkeit, die der Sohn gar nicht gewahrwird. Wir können diese erste Erziehnngsmaßregel mit Einem Worte als ein Hüten be-zeichnen; auch negative Pflege könnte sie genannt werden.
b) Ihr schließt sich aber die positive an. Die Naturkraft, je gesunder und lebens-voller sie auftritt, um so mehr bedarf sie eines Nahrungszuflusses von außen; die hellsteFlamme, wenn ihr das Oel ausgeht, muß erlöschen. Wie der Körper der Speise, sobedarf jede geistige Kraft der Zuführung von ihr entsprechenden, für sie geschaffenenStoffen, von denen sie zehrt, während sie sie verarbeitet. Der Einbildungskraft z. B.muß ich dasjenige zur Nahrung geben, was für sie da ist, d. h. Bilder, seien es gemalteoder seien es Erzählungen; dem Verstände muß ich Dinge zur Verfügung stellen, mitwelchen sich das Denken zu thun macht, an welchen die Gedanken gleichsam zehren u. s. w.Sorgt hiefür nicht der Erzieher, so wird sich zwar die im Kinde lebendig wirkende Kraftauch selber Nahrung verschaffen, aber dann ist es reiner Zufall, ob dieselbe eine geeignete,ob sie wirklich Nahrung und nicht Gift ist. Minder lebhafte, schüchterne, langsameNaturen aber, die sich nicht selbst helfen, gehen durch jene Versäumnis res Erzieherszu Grunde; erfordert es später die Nothwendigkeit, ihnen Bilrungselemente anzueigncn,so ist keine entsprechende Fähigkeit mehr da, die Organe sind gleichsam eingerostet.
o) Die Thätigkeit jedoch, die ich durch solche Nährung pflegen und großzichen soll,stellt sich, so begründet sie in der Menschennatur ist, dennoch nicht bei jedem Kinde anallen Puncten von selber ein; bei manchen will manches gar nicht, bei andern nur sehrlangsam und spät zum Vorschein kommen. Der Erzieher weiß aber vermöge der Er-fahrung, daß sie vorhanden sein sollte, daß, wollte er darauf warten, bis sie sich vonselber regt, dann das Ziel der Gesammtbildung nur sehr unvollkommen oder gar nieerreicht werden würde. Deswegen ergreift er seinerseits die Initiative; er regt an, erläßt Reize auf die noch schlummernde Kraft wirken. Oder ist zwar die eine Kraft, dereine Trieb schon lebendig geworden, aber eine andre ebenso nothwendige Lebensregunghat sich noch nicht gezeigt oder ist noch zu schwach; der Erzieher nimmt nun jene inAnspruch, legt sie als Hebel an, um auch diese in Bewegung zu setzen (appellirt z. B.an das Ehrgefühl, um dem noch unentwickelten Rechtsgcfühl oder der noch nicht vor-handenen Liebe zur Arbeit einen Impuls zu geben). Aber selbst diese Mittel der An-regung schlagen oft fehl; nicht, weil gar keine Kraft da wäre, die den Reiz empfände,was nur beim Blödsinn, überhaupt bei mangelhafter Organisation der Fall ist, sondernweil ein cntgegenwirkenber Wille da ist. Da schlägt nun, weil dieser Wille ein demErziehungszweck feindlicher, der Wille des Fleisches ist, die Pflege in Zucht, die An-regung in Zwang um.
cl) Aber selbst wenn die Lebensthätigkeit in Gang gebracht ist, so liegt es sowohlin der Flüchtigkeit der kindlichen Natur, als in der wachsenden Größe und Schwierig-keit dessen, was des Kindes Kraft zu bewältigen bekommt, d. h. in dem Steigen der