Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
254
Einzelbild herunterladen
 

254

Erziehung.

Heimreise (Luc. 2, 43). Allein das schließt nicht aus, daß all das Edle und Heilige,,was in des Kindes Seele schlummerte, doch durch den Einfluß namentlich der Mutter-liebe, so wie durch das, was Maria demselben schon in zartem Alter von Israels Ge-schichte und Israels Hoffnungen erzählte, geweckt und gepflegt werden mußte. War alsobei ihm die Erziehung auch nur „Unterstützung" und nicht „Gegenwirkung" (mit Schleier-macher'scher Terminologie zu reden), so war doch auch dies Erziehung; und wir müßeneine solche, d. h. die Nothwendigkeit derselben für das geistige Leben des Menschensohnesebenso gut wie die Nothwendigkeit der Pflege und Wartung für sein leibliches Lebenstatuiren, wenn wir, wie ja auch die orthodoxeste Dogmatik thun muß, in dem Erlösereine wahrhaft geschichtliche Erscheinung, eine vollkommen wahre und wirkliche Persönlich-keit erkennen wollen. -— Nach einer andern Seite hin, an die uns schon die vorhincitirte Strophe von Rückert erinnert hat, müßte die Nothwendigkeit der Erziehung nocherwiesen werden, wenn es mit der Leugnung derselben überhaupt Ernst sein könnte.Man hat nämlich gegenüber dem Aberglauben der Pädagogen an die Macht ihrer Kunstdarauf hingewiesen, daß die größten Männer das, was sie geworden, nicht durch ihreErziehung, sondern meist trotz ihrer Erziehung geworden seien (s. z. B. Christmann,Metakritik der Weltverbesserung, ein Wort über Pestalozzi. Ulm 1812 S. 14; späterS. 50 sagt derselbe: „Genie's haben gewöhnlich Lehrmeister, welche keine sind, und dieletzteren werden über das Voreilen guter Köpfe vor der mittleren Sonnenzeit des Unter-richts bisweilen aus guten Gründen ärgerlich"). So macht auch Lichtenberg denPädagogen irgendwo das Compliment: wenn es ihnen gelänge, die Kinder ganz unterihrem Einfluß zu bilden, so würden wir keinen großen Mann mehr bekommen. Hier-nach würde wenigstens für die jungen Genie's die Erziehung nicht nur nicht nothwendig,sondern sogar schädlich sein; die geniale Natur würde sich viel besser ohne den pädago-gischen Hemmschuh entfalten und auf ihre Höhe schwingen — eine Behauptung, die ebensowahr ist, wie wenn einst Amsdorf lehrte, gute Werke seien zur Seligkeit nicht nur nichtnothwendig, sondern sogar schädlich. Nicht einmal in Bezug auf die Bildung des Ta-lentes in sxsois ist dies wahr (wie viel hatte z. B. Mozart seinem Vater zu verdanken,den er doch an Talent unendlich überragte!); noch viel weniger aber von der Gesammt-bildung und insbesondre dem sittlichen Kerne derselben.

5) Um ferner die dem Erziehungszwecke dienenden Mittel übersichtlich anzugeben,müßen wir die Bemerkung voranschicken, daß, was dem obersten, allgemeinsten Zweckegegenüber nur Mittel ist, selbst wieder als Zweck angesehen werden kann, dem noch andre,speciellere, untergeordnete Mittel dienen. Die körperliche Erziehung, die Bildung derSinne, der Einbildungskraft, des Gedächtnisses, der Sprache, der Intelligenz, des Ge-schmacks, des Gemüths, des Gewissens, der Gesinnung — das alles, wie weiterhin dieunter jedes dieser Momente fallenden Specialitäten, sind Erziehungszwecke, aber demoben erörterten obersten Zwecke gegenüber sind es doch nur Mittel, die, wenn diesernicht erreicht wird, augenblicklich ihren Werth verlieren, die durch ihn erst ihren festenRichtpunct und ihren bestimmten Inhalt erlangen; kann ja doch selbst Gewissen undGesinnung sorgfältig und dennoch falsch erzogen, misbildet werden, nämlich eben, wennder oberste Zweck nicht erkannt oder angestrebt wird. Allein von diesen einzelnen Zwecken,die nur die Einwirkung auf die speciellen Seiten und Kräfte des Menschenwesens dar-stellen, wodurch diese mit dem Gesammtzweck ins rechte Verhältnis treten sollen, unter-scheiden wir Erziehungsmittel im engern Sinne, d. h. die verschiedenen Thätigkeiten undMaßnahmen, die dem Erzieher zu Gebote stehen, um jene Zwecke und in ihnen denletzten Zweck zu erreichen. Wir werden sie auf zweierlei Wegen entdecken, je nachdemwir entweder von dem ausgehen, was im Zögling selber vorhanden ist, sei es als Kraftund Anlage, oder als Trieb und Bedürfnis, oder auch nur als vorauszusetzende, weilim allgemeinen Menschenwesen begründete Möglichkeit; oder aber die Kräfte beachten,welche dem Erzieher als Menschen und vermöge seiner persönlichen Bildung inwohnen.

In der ersten Linie gelangen wir auf Folgendes: