Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
252
Einzelbild herunterladen
 

252

Erziehung.

des akademischen Lebens im Gegensätze zum Gymnasium und der niedern Schule); unddaß zweitens auch nach jenem Wendepunct eine der Erziehung analoge, aber nicht mehrihre Form an sich tragende (sich von ihr also wie der Geist vom Gesetz, Gal. 5, 18,unterscheidende) Einwirkung auf den Willen nothwendig ist; eine Einwirkung, die auchfactisch durch Lehre und Institutionen der Kirche, durch die Ehe, durch Ordnungen desStaates, durch Umgang und Geselligkeit, durch das Leben selbst mit seinem bald wildenbald sanften Wellenschlag ausgeübt wird, in welchem allem es aber nur Eine Handist, die da erzieht, die Hand des Allmächtigen. Diesem Sachverhalte gemäß kann undmuß also doch ein Punct fixirt werden können, wo die Erziehung in unserm Sinn auf-hört. Das ist die Volljährigkeit, die in gewissen Beziehungen gesetzlich auf ein bestimmtesLebensalter fixirt ist und hiernach für das weibliche Geschlecht früher, für das männ-liche später eintritt, sonst aber an den Eintritt in die Ehe, oder an den Antritt desersten Amtes, oder an die Führung eines Geschäftes mit freiem, eignem Erwerb (somitauch als Celsiilfe, als Arbeiter rc.) sich knüpft. Die nothwendige Aeußerlichkeit bürger-licher Einrichtungen bringt es mit sich, daß wir, statt sagen zu können: keiner wird ausder Erziehung entlassen, bevor er im Stande ist, sich selbst zu erziehen, vielmehr sagenmäßen: jeder, wenn er einmal factisch aus der Erziehung entlassen ist, hat dann dieAufgabe, fortan sich selbst zu erziehen.

4) Die Frage, ob denn Erziehung überhaupt möglich, und wenn das, ob sie noth-wendig sei, darf, so müßig sie zu sein scheint, da die Wirklichkeit jede Beweisführungüberflüssig macht, und, wenn die Argumentation die Unmöglichkeit darthun würde, dieErziehung als Praxis dennoch nach wie vor im Gange bliebe, nicht ganz übergangenwerden, da es — wie es einen pädagogischen Aberglauben an die Zaubermacht der Er-ziehung — so auch einen pädagogischen Unglauben giebt, der zwar selbstverständlich nichtleugnet, daß es möglich sei, einen jugendlichen Geist mit allerlei Stoff an Kenntnissenauszustatten, aber leugnet, daß der Erzieher den Zögling nach einer in jenem wohnendenIdee formen, also etwas aus ihm machen könne, was er nicht ebensogut von selbst ge-worden wäre. Diese Behauptung stammt principiell aus einer deterministischen Ansichtvon der menschlichen Freiheit (s. d. Art.), so z.B. in der Schrift „Die beiden Grundproblemeder Ethik," zwei akad. Preisschriften von Schopenhauer Franks. 1841, der zwarzugiebt, daß eine Einwirkung auf die Intelligenz immerhin möglich sei, der Wille aber,der Charakter jedem Individuum so entschieden schon angeboren sei, daß er durch nichtsmehr, also auch durch keinen erziehenden Einfluß geändert werden könne (S. 253 ff.).Dem Boshaften sei seine Bosheit ebenso angeboren, wie der Schlange ihre Giftzähneund ihre Giftblase; so wenig, wie sie, könne er es ändern; dies dennoch zu hoffen, seiein Traum der Moralisten. Dann ist auch die ganze Pädagogik ein Traum; aber bleibt,wenn die Menschheit durch derlei Philosophen aus solchem Traume sich wecken läßt,dann noch etwas anderes übrig, als solch eine Creatur, weil man sie nicht bessern kann,zu erwürgen, sobald man gewahr wird, daß sie eine Schlange ist? Andre sind übrigensvon demselben Determinismus aus auf die entgegengesetzte Ansicht gekommen, daß näm-lich nur auf dieser Grundlage die Erziehung möglich, unter Voraussetzung der Willens-freiheit dagegen unmöglich sei, weil man alsdann keinen Augenblick sicher sei, daß derZögling alles, was man ihm bisher als Grundsätze eingepflanzt, als Tugenden ange-wöhnt habe, eben in Folge seiner Freiheit von sich abwerfe und sich selber in ganz ent-gegengesetzter Weise bestimme. In welchem Sinne neben solcher Leugnung freier Selbst-bestimmung noch eine Einwirkung auf den Willen, also eine Erziehung wirklich denkbarsei, wird der Art. Freiheit darthun; hier sei nur bemerkt, daß, sobald der Determinismuseinen religiösen Charakter annimmt, das absolute Bestimmtsein jedes einzelnen alsodurch göttliche Macht bedingt und geordnet ist, dann der Erzieher und all sein Thunin diese göttliche Vorherbestimmung schon mit eingerechnet, d. h. ein ebenso vorherbe-stimmtes Werkzeug derselben ist, so daß am Ende (wie dies im Prädestinatianismus derReformirten liegt) die praktische Thätigkeit ganz dieselbe ist, wie unter Voraussetzung