Erziehung. 251
des Menschen angelegt." (Vgl. ferner die bündige Darlegung des Erziehnngszweckesbei Rothe, Ethik III. S. 683 f.)
Damit ist zugleich auch die Würdigung derjenigen Ansicht gegeben, nach welcher derErziehungszweck so sehr im Individuum liegen soll, daß der Erzieher sogar sonst nichtszu thnn hat, als die individuelle Anlage in ethischer wie in intellectueller Beziehung zurReife zu bringen, also, wenn wir dafür einen extremen Ausdruck gebrauchen wollen,aus jedem Zögling ein Original zu machen. Allein so hoch wird niemand die Indivi-dualität stellen wollen, daß der Erziehungszweck erreicht wäre, wenn nur der Zöglingals ein Mensch dastünde, der keinem andern gliche. Die ethische Bestimmung des Men-schen ist für alle nur Eine, wie nur Ein Gott ist für alle; was deren individuelle Aus-prägung sein darf und soll, das drücken wir mit dem Worte „Charakter" aus (s. d.Art.), mit welchem der Erziehungszweck ganz Wohl bezeichnet werden kann, das aberjenen Einen und für alle geltenden sittlichen Maßstab nicht aus-, sondern einschließt.(S. weiter den Art. Erziehungsprincipien.)
Ein Moment, das zur Definition des Erziehungszweckes wesentlich mitgehört, mußnoch speciell herausgehoben werden, nachdem es oben von anderer Seite her nur ange-deutct worden; es liegt in der Unterscheidung zwischen Zweck und Ziel, oder in derFrage, ob man an irgend einem Puncte sagen könne: das Ziel ist erreicht, es ist nichtsmehr zu thun, wie man dies von einem vollendeten Bauwerk, einem Gemälde, einerStatue sagen kann. „Wo Erziehung Statt hat, ist die Grenze nicht bestimmt, wederinnerlich, noch äußerlich. Wenn das Thier durch die Zucht zu einer Vollkommenheitdurch die Menschen kommt, die es ohne Zucht nicht hat, so bat diese Vollkommenheiteine Grenze. Die Erziehung des Menschen ist auch seine Vervollkommnung, abernicht ins Endliche, sondern inS Unendliche" (Daub, Proleg. S. 360). So richtigdas ist, so folgt doch nur, daß der Mensch sein Lebenlang nie mit sich vollständig fertigist, so daß er nichts mehr abzulegen, nichts mehr zu lernen hätte; gerade die gediegenstenMenschen erkennen dies am meisten, denn je höher ihre sittliche Durchbildung steigt,um so höhere Forderungen stellen sie an sich selber. Aber das ist dann Selbsterziehung,das ist Ascese — daS Wort nicht in mönchischer, sondern allgemein sittlicher Bedeutunggenommen. Und so hat denn allerdings die Erziehung im Sinne der Pädagogik an dem Punctihr Ziel, ihr Ende, an welchem sie in Selbsterziehung übergeht, wo der inzwischen unterVormundschaft gewesene Wille des Zöglings legitimirt wird, selber den Thron zu besteigen.Sobald der Geist zur Freiheit gelangt, das Gute zum eignen, festen Willen geworden ist,wäre eine Fortsetzung der Erziehung nicht nur überflüssig, sondern ein Schaden und einUnrecht. Denn alsdann stehen Erzieher und Zögling, der Vater und der erwachsene Sohn,der Lehrer und der ins Amt eintretende oder dasselbe schon selbständig führende Schülereinander wohl noch gemäß der Subordination des Alters und der Pietät, im übrigenaber beide als Männer gegenüber; der Zögling ist selbst zum Charakter geworden, fürden die entscheidende, nöthigende Einwirkung eines andern Charakters immer eine Be-vormundung, eine Hemmung seiner freien Selbstentwicklnng, eine Verletzung seiner per-sönlichen Würde ist. Jener Punct aber, wo das eine ins andre übergeht, ist deswegenschwer zu bestimmen, weil niemand über Nacht ein Mann wird. Mancher könnte schonzeitig sich selbst überlassen werden, weil sein gesetzter, ernster Sinn, seine innere Klarheitund Besonnenheit ihm schon als Jüngling den Charakter des Mannes geben; manchemandern aber käme es Wohl (und denen, die das Unglück haben, unter ihm zu stehen, wärees gleichfalls zu gönnen), wenn er noch einen Erzieher über sich hätte; giebt es doch hieund da z. B. sogar Beamte, von denen, obwohl sie im Mannesalter stehen, der signi-ficante Volksausdruck sagt: „es bubele noch bei ihnen," was sich sowohl auf ihr Be-nehmen im Amte wie im Wirthshause beziehen kann. Es ist deshalb auch außer Zweifel,daß erstlich vor jenem Wendepunct schon allmählich die Zucht zurücktreten und, so weitsie noch thätig ist, freiere Formen annehmen muß (darauf beruht z. B. die so viel mis-brauchte und darum beklagte, aber principiell dennoch nothwendige und heilsame Freiheit