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2 (1860) Director - Globus
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110
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110 Empfindlichkeit. Empfindsamkeit.

kommt. Wer lernen will, wie ein zart organisirtes Gemüth, das jedes rauhe Lüftleinempfindet und dennoch keinem Sturm answeicht, die Klippe der unseligen Empfindungs-seligkeit umschifft, der lerne Paul Gerhard und seine Trostlieder kennen. A. Hauber.

Empfindsamkeit, Sentimentalität. Hierunter versteht der heutige Sprachgebrauchdiejenige poetische Verfassung des Gemüths, in welcher dieses für Empfindungen, die zuThränen führen (Ahnung, Rührung), besonders gestimmt ist, und solche nicht nur gerneüber sich konimen läßt, sondern nach ihnen ausgeht.

Es ist jedoch zu bemerken, daß dieser Sinn des Wortes keineswegs der ursprüng-liche, noch auch in früherer Zeit der gebräuchliche war. Kant z. B. in seiner Anthro-pologie (A. 59) nennt die Empfindsamkeit „ein Vermögen und eine Stärke, den Zustandsowohl der Lust als Unlust zuzulassen oder auch vom Gemüth abzuhalten," und ihmist diese Zartheit der Empfindung etwas männliches, der gegenüber die Empfindelei„eine Schwäche durch Theilnehmung an anderer ihrem Zustand, die gleichsam auf demOrgan des Empfindenden nach Belieben spielen können, sich auch Wider Willen affi-ciren zu lassen." Hamann hatte dem, was wir jetzt Empfindsamkeit nennen, denbezeichnenderen Namen „Empfindseligkeit" gegeben, Schiller aber in seinem Aufsatzüber naive und sentimentale Dichtung von dem letzten: Wort, wie auch vom erstem,einen willkürlichen und die Begriffe durch Verallgemeinerung verwirrenden Gebrauch ge-macht (Sämmtl. Werke Bd. XII. S. 170, 203, 227, 239, vgl. Vischers Aesthetik Z.458);übrigens, hierin dem Sprachgebrauch seines damaligen Meisters Kant sich nähernd, hatSchiller den Hauptrepräsentanten dessen, was wir jetzt Empfindsamkeit nennen — Sig-wart, eine Klostergeschichte — unter die Kategorie der Empfindelei gebracht. Man darfsich über das Unsichere und Schwankende im Gebrauch des Wortes nicht wundern, denndasselbe ist nicht nur neu, sondern zugleich aus Anlaß einer nichts weniger als senti-mentalen Dichtungsart aufgekommen. Als nämlich Sterne seine Kentimsntal jonrnsz:geschrieben hatte, kam der deutsche Uebersetzer, Prof. Eckert, in nicht geringe Verlegen-heit, wie er das Eigenschaftswort wiedergeben solle. Anfangs wollte er „sittlich" sagen,oder andere Ausdrücke, auch Umschreibungen wählen, aber ein Freund, ohne ZweifelLessing (s. Horiks empfindsame Reise rc. neue verbesserte Auflage, Mannheim 1780,Vorbericht S. XII. vgl. S. XUV.), rieth ihm zu „empfindsam", weil ja auch Sternesich erlaubt habe, das im Englischen neue Adjectiv zu ssntimsnt zu bilden, und weildie bisher im Deutschen aus dem Hauptwort abgeleiteten Adjective hier nicht zu brauchenseien. „Wenn eine mühesame Reise," schreibt der Freund, „eine Reise heißt, bei derviel Mühe ist: so kann ja auch eine empfindsame Reise eine Reise heißen, bei der viel

Empfindung war.Was die Leser vors erste bei dem Wort noch nicht denken,

mögen sie sich nach und nach dabei zu denken gewöhnen." Es ist merkwürdig, daßman sich hernach bei dem Wort etwas von seinem ersten Gebrauch sehr abweichendeszu denken gewöhnen und daß es diesem Wort ähnlich ergehen sollte, wie den sentimen-talen Menschen selbst, die ja auch nicht recht wissen, was sie eigentlich wollen. Sterne'sReise wollte eine psychologische sein, auf Gefühlsabenteuer angelegt, deren ihm etlichenur allzunatürliche aufstießen; aber was wir jetzt Empfindsamkeit nennen, jene eigen-thümliche Poesie, welche sich bei den Deutschen herausgearbeitet, zu welcher viel eherKlopstock (s. Gervinus Gesch. der Poet. Nationalliter, der Deutschen, Th. IV. S. 8)als jener humoristische Engländer den Anstoß gegeben hat und deren Abstand von demSentimentalen bei Sterne Bischer (Aesthetik Z. 220) zu zeichnen sucht, — sie ist, obwohlin ihren ersten Anfängen dem Natürlichen zugewandt, in ihrer Entwicklung keineswegsnatürlich, sondern sie flieht das Gebiet des Sinnlichnaiven wie den Humor und sinktin ein weiches, verweichlichendes Schwärmen und Schwelgen, in ein mondscheinsüchtigesWesen. Göthe hat es von sich weggeschafft in seinem Werther, aber zugleich seinerLandsleute viele damit augesteckt — bis auf die Kleidung, die bekanntlich bei Studentenund jüngeren Männern Jahrzehnte lang Wertherisch war; Jean Paul versänke oftmalsgerne in die sentimentale Flut, wenn nicht der Witz ihm rettende Tonnen zuwürfe,