Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
111
Einzelbild herunterladen
 

Empfindsamkeit.

111

darauf er rittlings das Ufer gewinnt; im Sigwart aber ist das Paradigma und derSättigungspunct einer Sentimentalität, an der sich auf eine uns jetzt unbegreiflicheWeise die einstige Lesewelt erlabte. (S. Vilmar, Gesch. d. v. Nat.-Lit. 7. Ausl.B. II. S. 252, vgl. S. 110.)

Damals war die Sentimentalität, die jetzt nur noch sporadisch und selten auftritt,epidemisch. Sie war eine Herzaffection deutscher Jünglinge und Frauen, entsprungen,daß ich so sage, aus Blntfülle und Bewegungsmangel in den Jahren zwischen demsiebenjährigen Krieg und den französischen Kriegen; offenbar war zugleich ein Strebendarin nach poetischer Erholung von der bleiernen Langeweile des Philisterthums in einemverrotteten Gemeinwesen, unter dem Schnee des Puders ein frühlingsartiges Sichregen.Nicht umsonst haben diese thränenbereiten Gemüther hernach den wirklichen Schmerzund leibhaftige Drangsal der napoleonischen Eroberungszüge erfahren müßen und dieKraftanspannung der Kreuzzüge erleben dürfen. Wir finden in Friedrich PerthesLeben ein Frauenbild, daran uns aufs anschaulichste und erhebendste die Entwicklungeiner zartbesaiteten, empfindungsreichen Seele unter dem Weh jener Zeiten entgegentritt:die Tochter des Wandsbecker Boten. Ans den mitgetheilten Briefen an ihren Mannsehen wir, wie nahe an der Empfindsamkeit ihr Gemüthsweg hinlief und doch wie festund beharrlich sie von Glauben und Pflicht geleitet, dem weichlichen Wesen sich entrangund das idyllische Bedürfnis ihres Herzens den Forderungen jenes ernsten Drama's,in das ihr Perthes leidend und handelnd mitverflochten ward, unterordnete. WelcheErziehungskräfte damals walteten, kann hier an Einem Beispiel gelernt werden.

Sentimental mögen Wohl zuweilen solche Gemüther gestimmt sein, die noch müßigam Markt des Lebens stehen und sprechen: niemand hat uns gedinget. Der praktischeDrang, dem die Gelegenheit zu wirken fehlt oder unbewußt ist, der plastische Trieb,in seinem Schaffen gehemmt, sie schlagen zurück in das Innere. Da, entweder erzeugensie den Zorn, der als aggressiver Schmerz auf Zerstörung des Bestehenden sinnt (bissigeWeltschmcrzliteratur, dem Ausbruch der Bewegungen des Jahres Achtundvierzig voran-gehend), oder sie erwecken eine unnatürliche Sehnsucht nach der Natur, als dem durchdie Cultur verlorenen Paradiese des Menschen, wobei aber in Wahrheit nicht die Naturgefunden wird, sondern eine erträumte Welt sich erzeugt mit eingebildeten Schmerzenund selbstgemachtem Weh und der Sinn für das Wirkliche im Erkennen und Handelnverwirrt und trüb wird.

So weich daher ein solches Gemüth an sich ist, so herb kann es in der Beurthei-lung der Verhältnisse des Lebens werden. Sentimentale Menschen pflegen reizbar zusein, vornehmlich dem Verständigen und Nüchternen gegenüber, das sie scheuen wie krankeKinder die bittere Arznei; auch scheuen sie die Arbeit und das Lernen, weil die Muskel-thätigkeit des Geistes unentwickelt oder verkümmert ist, und weil das Spiel der Empfin-dungen, das sie üben, ihnen den Schein erweckt, als füllten sie Zeit und Leben aus.

Kinder sind nicht empfindsam, wenigstens nicht aus sich selbst, höchstens durchNachahmung. Aber auf dem Uebergang ans der Kindheit in das Jugendalter, bei sichentwickelnder Pubertät, erwacht gerne das Sentimentale und hier erklärt sich auch seinAuftreten. Unbestimmtes Ahnen, unbefriedigtes Sehnen ist seine natürliche Grundlage,und eben damit ist angezeigt, was von Seiten der Erziehung zu geschehen hat, daß sichdaraus nicht ein krankhafter Habitus entwickle. Arbeit und praktische Ziele auf dereinen Seite und ans der andern Nahrung des idealen Triebs durch gesunde Geisteskostmüßen das in der Erziehung begriffene Gemüth stärken, reinigen, richten. Müßiggang,auch der geschäftige in weichlichem Thun, Nomanlesen und ein Umgang, der zu aussichts-losen Liebeleien Gelegenheit giebt, führen jene natürliche Neigung auf Abwege, da sieentweder bald bei der Fleischlichkeit ankommt oder sich zu dem halb geistigen, halb sinn-lichen Hang entwickelt, Empfindungen und Gefühle aus sich herauszuspinnen, eine eigeneWelt daraus zu weben nnd in dieser die wirkliche zu ignorircn oder sich derselben mitThränen und Mismuth zu oppouiren.