88
Elementarschule.
die Frage nach den notwendigen Unterrichtsstoffen von allgemeinem Standpuncte auseiner gründlichen Untersuchung in seiner „Elementarschule fürs Leben in ihrer Grund-lage" unterzogen hat. Er bezeichnet Naturlehre, Menschenlehre und Gotteslehre —diese drei, aber dieselben in inniger Verbindung untereinander — als die notwendigenStoffe des Unterrichts, und verurteilt ebenso sehr die Elementarschule, welche nichtsals Lesen, Schreiben und Rechnen und ein todtes, angelerntes „Christenthum in tausendSprüchen" dem Menschen darbietet, als diejenigen gehobenen Volksschulen, welche unterder Firma von gemeinnützigen Kenntnissen eine profane Naturanschauung verbreiten,durch welche der in der Natur waltende Gottesgeist nie erkannt werden könne. Aberes widerfährt dem ehrwürdigen katholischen Pädagogen, der von so ernsten Principienausgeht, daß auch sein System, wie der Katholicismus überhaupt, vor der Verwelt-lichung der Idee sich nicht retten kann. Es ist hier nicht der Ort, dies ausführlich nach-zuweisen, aber ein Blick auf den in der „Elementarschule fürs Leben" dargestellten Lehr-plan zeigt, daß er mit seiner bizarren Anschließung an die verschiedenen Formen desbürgerlichen und menschlichen Lebens überhaupt, mit seinen besondern Stufen des Unter-richts für das Familienleben — für die Gemeinde — für den Gerichtsbezirk — fürdie Provinz — für den Staat — für den Staatenbund — für die Menschheit — fürdas Reich Gottes rc. den eigentlich christlich-ethischen Boden der Erziehung sofort ver-läßt, und einem äußern Schematismus verfällt, bei welchem die Persönlichkeit desMenschen nie zu ihrem Rechte kommt. Zugleich hebt Graser dadurch den Begriff derElementarschule auf, die, wie oben gezeigt, aller berufsmäßigen Bildung Vorarbeitensoll. In der evangelischen Kirche, die das heilige Anrecht jeder Persönlichkeit an diegöttliche Wahrheit allein vollständig anerkennt, konnte das Wesen der Elementarschuleeben darum auch allein zu lebendiger Entwickelung kommen. Indem Luther durch dieBibelübersetzung dem Volke das göttliche Wort aufgeschlossen hatte, hatte er neben demevangelischen Rechte der freien Forschung zugleich als die höchste Aufgabe für die Ele-mentarschule festgestellt, daß dem Kinde die Bibel selbst zugänglich gemachtwerde. Wie überall der Fortschritt der Bildung in der innigsten Beziehung zumChristenthume steht, so wurde auch die Uebersetzung der h. Schrift in das Hochdeutscheein folgenreiches Ereignis für die gesammte deutsche Geistesentwickelung, indem sie dasHochdeutsche nicht nur zur Sprache des religiösen Bedürfnisses in Predigt, Gesang undGebet, sondern auch zur allgemeinen Cultursprache des deutschen Volkes überhauptmachte, in welcher fortan alle höchsten und allgemeinsten Angelegenheiten der deutschenNation behandelt wurden (vgl. Bibel I. S. 621 ff.). Die Aufgabe der Elementarschule,das Kind überhaupt bildungsfähig zu machen, es zur dereinstigen Theilnahme an dengeistigen Gütern seines Volkes vorzubereiten, siel daher ganz zusammen mit jener, zunächstvon der Kirche gestellten, Aufgabe, das Kind in die Bibel einzuführen; denn mit demVerständnis der Bibel war ja dem Kinde zugleich das Verständnis der Cultursprache,und mit dieser der Zugang zu allen Richtungen und Gebieten des Wissens aufgeschlossen.Es hat daher einen guten Grund, wenn Graffunder in seinen von Friedrich Otto ge-sammelten Bemerkungen („lieber die Behandlung des öffentlichen Unterrichts." Mühl-hausen 1843) den wesentlichen Zweck des eigentlichen Elementarunterrichts lediglichin der Aneignung der Büchersprache oder, wie er sich an einem andern Orterichtiger ausdrückt, der Schriftsprache findet. Denn mit dieser Schriftsprache wäredem Kinde nicht nur die Möglichkeit aller weiteren Bildung, sondern zugleich der höchsteJnha lt des Lebens selbst gegeben. Gleichwohl wird der Stoff, den die Elementarschulezu behandeln hat, nicht auf diesen einfachen Ausdruck zu bringen sein, weil dadurch derreligiöse Unterricht gar zu sehr in den Hintergrund gedrängt wird, der Rechenunterrichtaber unter den Begriff der sprachlichen Bildung gar nicht zu bringen ist, wenn schonire ilich „die Zahlwörter auch unter den Sprachformen erscheinen müßen." Es bleibenalso Religion, Sprache (— Sprechen — Lesen — Schreiben —) und Rechnen (For-menlehre) die wesentlichen Stoffe des Elementarunterrichts, denen die Berücksichtigung