Eigensinn.
Eigenthumstrieb.
65
nur die aus dem Begehren stammende Art, welche den Gegenstand des Begehrens durchdie Schwäche der Eltern verleitet erzwingt und als Verwöhnung, Verzogenheit aufge-faßt werden kann, sondern auch diejenige, welche das Gebot der Eltern nicht erfüllen,und ihr Verbot nicht halten will und in welcher sich die Wurzel der Sünde nicht ver-kennen lasten wird. Das Kind weiß, daß es Unrecht thut, und thut es doch, daß esden Eltern gehorchen soll, und gehorcht doch nicht, das heißt doch wohl: es setzt seineneigenen selbstischen Willen dem höheren Willen, dem es sich unterordnen sollte, entgegenund thut damit Böses (vgl. den Art. das Böse, d. Art. Augustinus I. S. 355).Diese Art des Eigensinns ist es, welche die ernsteste Sorge des Erziehers in Anspruchnimmt, weil sie nicht in jedem Fall unmittelbar durch die Festigkeit eines höherenWillens sich brechen läßt, sondern oft nur dadurch, daß überhaupt das Gute im Herzendes Kindes den Sieg über das Böse gewinnt. Sie führt auch zu den fast dämonischenErscheinungen, bei deren Beobachtung den Erzieher ein Grauen ankommt. Bei den ge-ringeren Graden ist es immerhin am Platze, den trotzigen Willen zu beugen, die Voll-ziehung des Befehls mit Gewalt zu erzwingen, auch den widerspenstigen Zögling zustrafen, und bei den meisten Kindern kommt — etwa um das dritte Jahr oder nochfrüher—eine Periode des Eigensinns, die zu einer Krisis führt: wenn da der Erziehermit Ruhe und Festigkeit verfährt und das Kind nöthigenfalls mit strenger Züchtigungzum Gehorsam zwingt, so ist der Trotz gebrochen und ein entscheidender Sieg gewonnen(vgl. d. Art. Adelige Erziehung I. S. 45). Aber es giebt, besonders bei älterenKindern, auch schlimme Fälle, in denen Gewalt aus übel ärger macht und dem ver-stockten Trotz auf directem Wege nicht beizukommen ist; da hilft nur Geduld, Liebeund Gebet.
Eigenthumstrieb. Das Thier hat kein Eigenthum, weil es keine Vernunfthat, welche als selbstbewußtes Subject den Dingen als Objecten sich gegenüberstellt,um sie zu beherrschen und zu Mitteln der eigenen Thätigkeit zu machen. Das Thierbleibt Ding, bloßes Naturwesen. Eigenthum ist aber nur da, wo ein Verhältnis vonPerson und Sache Statt findet der Art, daß durch letztere (die Sache) der Lebens- undWirkungskreis der ersteren (der Person) gestützt, gehoben und erweitert wird. Jeder Mensch,der als persönliches Wesen sich geltend machen, eine freie Selbstthätigkeit erringen will,muß auch nach Eigenthum streben; der Eigenthumstrieb ist daher tief in der menschlichenNatur begründet und nur eine von den verschiedenen Formen, wodurch diese sich alseine vernunftbegabte, zu persönlicher Würde berufene, documentirt. Schon das un-mündige Kind, sobald es seine Stimme, seine Hände und Füße als sein Eigenthum er-kannt hat, gebraucht selbige nicht nur als Mittel, um seine Lebenslust zu äußern, sondernauch um seinen Willen durchzusetzen und zu commandiren. Mit dem Eigenthum wirdzugleich ein Bewußtsein des Rechtes gegeben, nach freiem Belieben mit diesem Eigenthumschalten und walten zu können, und dieses Rechtsbewußtsein entwickelt sich so zeitig, daßschon ganz kleine Kinder aufs tiefste gekränkt werden können, wenn man ihnen das,was sie eben erhalten haben und als ihr Eigenthum betrachten, wieder entreißen will.Je mehr sie um sich blicken, desto mehr erkennen sie auch, wie die Personen ihrer Um-gebung gewisse Sachen um sich und an sich haben, mit denen sie hantieren und allerleiWirkungen Hervorbringen, die als Attribute ihnen angehören, und sie fühlen das Un-recht, wenn man beides willkürlich oder gewaltsam von einander trennt. „Ich sah einkleines Mädchen von 1'/- Jahren", erzählt Mad. Necker de Saussure, I/öäuoationxioZrossivs, Bd. 1. 3. Buch, „die weinte, wenn jemand auf der Promenade den Korbihrer Bonne berührte. Eines Tages, da dasselbe Kind eine unbekannte Frau ein Kleidihrer Mutter aus dem Hause forttragen sah, schrie es entsetzlich und die gleiche Scenewiederholte sich am folgenden Tag. Seitdem war es immer unruhig beim Anblick vonFremden, und wenn diese mit leeren Händen fortgiengen, begleitete es sie mit einer Höf-lichkeit, die schlecht seine Freude verbarg." Aber der Egoismus in der menschlichenNatur regt sich nicht minder frühzeitig in dem Kinde und unterdrückt das Rechtsgefühl,
Pädag. Encyklopavie. II. e