Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
62
Einzelbild herunterladen
 

62

Eigensinn.

reichen darstellen, bildet sich nun bei dem Kinde, und associirt sich mit seiner Vorstellungdes Begehrten, wenn diejenigen, die das Kind umgeben, das von dem Kinde unvernünf-tiger Weise Begehrte durch Nachgiebigkeit erreichen lassen, wo sie es hindern könnten.Hierdurch lernt das Kind seine Kraft kennen, und damit setzt sich sein Begehren in einWollen nm. Dieses wird alsdann zu einem gleichmäßig beharrenden durch ein sichhäufiger wiederholendes Fortschreiten vom Begehren zum Erreichen des Begehrten, undan Gelegenheit zu solchem Fortschreiten kann es nicht fehlen, weil sich die associirte Vor-stellungsreihe, so lange die Association wirksam ist, immer reproducirt, wenn die Vor-stellung des Begehrten im kindlichen Geiste aufsteigt. Auf diese Weise lernen schon ganzkleine Kinder commandiren, und durch ihre unvernünftigen Begehrungen die Erwachsenenpeinigen, und je häufiger diese Handlungsweise bei ihnen Antritt, desto gewisser nehmensie allmählich ein herrisches und trotziges Wesen an, indem ihre Willensstärke zunehmendwächst. Je größer aber der Umkreis wird, in welchem sie ihre Kraft bei unverständigenRegungen fühlen, einen desto weitern Umfang erhält auch ihr eigensinniges Wesen, undes kann dahin kommen, daß sich bei ihnen an jede flüchtige Begierde, an jede Laune,die der Zufall des Augenblicks bringt, ein Wollen knüpft. Es zeigt sich auch, da dasInnere sich in dem Aeußeren abzuspiegeln Pflegt, daß bei den Kindern der Ton ihrerStimme immer gebieterischer wird, je häufiger sie das unvernünftiger Weise Begehrteerreichen, und es läßt sich daran deutlich erkennen, daß, was anfangs ein leiser Wunschwar, allmählich ins Wollen, und was zuerst nichts als ein bescheidenes Bitten war,zuletzt in einen Befehl übergeht.

Was nun die Heilung des Eigensinns anlangt, so ist vor allem zu be-merken, daß er zwar immer ein abnormes Geistesproduct, aber durchaus nicht noth-wendig ein Fehler, eine moralische Abnormität ist. Er ist bei Kindern zunächst nur einrohes Naturproduct des Geistes, wodurch die natürliche gesellschaftliche Ordnung gestörtwird, in welche die Kinder hineingestellt sind. Er ist ein Hindernis dieser Ordnung,in welcher nicht die Erwachsenen den Kindern, sondern die Kinder den Erwachsenen zugehorchen haben. So weit er aber bloß das ist, sind Ermahnungen und Rührungen,von welcher Art diese immerhin sein mögen, zur Heilung des Eigensinns nicht anzu-wendsn. Denn das sind Umbildungsmittel für moralische Mängel, es sind Bildungs-mittel für moralische Vorzüge, und es sind zweckmäßige Bildungsmittel, wenn dadurchzugleich der Gedankenkreis, aus dem jene Mängel wie jene Vorzüge Hervorkommen,eine Gestaltung oder Umgestaltung erhält. Aber der Eigensinn muß viel früher entferntwerden, ehe der äußerst langsame und langwierige pädagogische Bildungsproceß bei denKindern zu Eude zu führen ist, ja viel früher, ehe er sich nur mit Sicherheit beginnenläßt. Denn man kommt bei der eigentlichen Erziehung, welche wahre Geistesbildungund die Hinführung zu Christus beabsichtigt, nicht von der Stelle, wenn man fortwäh-rend mit dem Eigensinn der zu bildenden Kinder zu kämpfen hat. Ohnehin kann dieGesellschaft ihre Ordnung nicht so lange suspendireu, bis der Erziehung ihr so oft mis-lingendes Werk gelungen ist. Die gesellschaftliche Ordnung muß unbedingt feststehen,und daß das Kind zu ihr in das rechte Verhältnis tritt, ist für das Kind selbst dieunerläßliche Vorbedingung höherer Entwickelung. Daraus ergiebt sich das propädeutischeProblem, den Eigensinn nicht durch Bildung oder Umbildung zu beseitigen, sonderndurch Gewalt zu unterdrücken; denn die gesellschaftliche Ordnung, welcher der kindlicheEigensinn widerstreitet, läßt sich für sich allein nicht anders als durch Gewalt aufrechterhalten. Das aber, was in der Seele des Kindes unterdrückt oder verdunkelt, unddessen Wirksamkeit dadurch in der Seele aufgehoben werden muß, ist, näher bestimmt,die Vorstellungsreihe, die sich an die Vorstellung des Begehrten bei ihm angeschlossenhat, und von da bis zur Vorstellung des Erreichten fortläuft, und das geschieht, wenndem eigensinnigen Willen des Kindes ein festes, unerschütterliches Nichtwollcn oder An-derswollen des Erziehers entgegentritt, und zugleich dafür gesorgt ist, daß das Begehrendes Kindes nicht auf einem andern Wege befriedigt wird. Das Kind macht dann die