Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
61
Einzelbild herunterladen
 

Eigenheiten.

Eigensinn.

61

leben zu machenden Diversion entgegengewirkt werden, letztere darf man nicht duldenund hat sie nöthigenfalls mit beharrlicher Strenge niederzukämpfen; denn sie sind Wasser-schosse, nicht Fruchtzweige, und eher vergeudet sich in ihnen das individuelle Leben alsdaß es durch sie zur Entfaltung gelangte- Zuweilen treten an sich gute Eigenschaftenin Gestalt von Eigenheiten auf; es giebt z. B. pedantisch-lerneifrige, übertrieben aufReinlichkeit und Ordnung haltende Kinder. Hier darf man nicht mit herben Mittelnnoch mit Spott kommen, um nicht das Kind selbst zu verletzen, indem man nach seinenMücken schlägt. Jrrthum ist es, hinter Eigenheiten Genialität zu wittern; man ver-zeiht sie vielleicht dem Genie, aber sie constituiren es nicht, und vollends Eigenheitennachmachen ist kindisch, obwohl es bei Leuten gestandenen Alters z. B. in Philosophen-schulen wie bei den Generalen Alexanders Vorkommen mag. Die Erfahrung zeigt,daß einer seinen Mitmenschen durch Eigenheiten oft selbst noch widerlicher wird alsdurch wirkliche Untugenden, daher jene eine üble Beigabe fürs Fortkommen in der Weltzu sein pflegen und eine weiche Erziehung in dieser Hinsicht oft eine herbe Lebensschulezur Vervollständigung der Bildung nach sich zieht. Andrerseits kommt das Sichereiferngegen die Eigenheiten anderer, mit welchen wir umgehen, wobei wir die eigenen über-sehen, aus Mangel an Selbstkenntnis und Liebe; gegenüber von kleinen Marotten unsresNächsten möchte sich wohl Sterne's Rath empfehlen:Laß doch einen jeven auf seinemSteckenpferde die Straßen der Stadt auf und nieder reiten: wenn er dich nur nichtnöthigt hinten aufzusitzen." Aber es giebt andere, da diese Regel menschenfreundlicherKlugheit nicht zureicht, sondern welche unsrerseits eine Uebung in der Selbstüberwindungd. h. in der Ueberwindung unsrer eigensten Eigenheit voraussetzen, um dem Spruch desApostels (Rom. 15) nachzukommen:Wir, die wir stark sinv, sollen der SchwachenGebrechlichkeit tragen, und nicht Gefallen an uns selber haben." A. Hauber.Eigenliebe, s. Selbstgefühl.

Eigensinn. Der Eigensinn oder Eigenwille ist eine geistige Kinderkrankheit, welcheleicht einen chronischen Charakter annimmt, und sogar auf die Erwachsenen übergeht,wofern sie nicht schon bei ihrem Auftreten in den ersten Kinderjahren gründlich geheiltwird. Er besteht in einem Wollen, welches unvernünftige Gedanken, denen unauf-hebbare Gegensätze entgegenstehen unv die deshalb aufgegeben werden sollten, festhältund wohl gar zur Richtschnur für die Erwachsenen macht. Das Wollen ist zugleichmit einem starken Wiverspruchsgeiste verbunden, wenn es auf einen entgegengesetztenWillen stößt, und äußert sich durch Unwillen, wenn dieser in seinem Gegensätze gegendas unvernünftige Wollen beharrt. Auch Affecte mischen sich ein, ja wenn die Krank-heit nicht frühzeitig gehoben wird, setzt sich in dem krankhaften Wollen sogar die Leiden-schaft des Stolzes fest, indem das Kind sich einbilvet, um seines Willens willen, denes andern gegenüber behauptet und durchsetzt, über Liese sich erheben zu dürfen.

Zu einer Zeit, wo die psychologische Analyse der pädagogischen Erscheinungennoch sehr unvollkommen war, lag es nahe, den Eigensinn als eine Folge der Erbsündezu betrachten, zumal das eigensinnige Wollen, wenn gleich in sehr verschiedenen Gradender Menge, Stärke und Ausbreitung, wohl bei allen menschlichen Kindern vorkömmt,und zwar viel früher, als bei ihnen an eine eigentlich böse Gesinnung zu denken ist.Indes wurde doch auch sehr bald bemerkt, daß das eigensinnige Wollen der Kinder nie-mals anders auftritt, als in Begleitung einer unbesonnenen Schwäche derer, denen sieanvertraut sind, und daß der bestimmte Grad, in dem es sich zeigt, immer in demMaße sich steigert, als die Kinder durch jene Schwäche mehr verzogen werden. DieseBeobachtung wurde dann der Anknüpfungspunct für eine sehr einfache Analyse, welchedas eigensinnige Wollen nach denselben Grundsätzen zu erklären sucht, wie jedes andereWollen. Alles Wollen entspringt nämlich aus dem Begehren durch Verstärkung, unddie Verstärkung entsteht dadurch, daß sich an die Vorstellung des Begehrten diejenigeVorstcllnngsreihe anschließt, die von jener Vorstellung zur Vorstellung des Erreichtenfortiäuft. Eine solche Vorstellungsreihe, deren einzelne Glieder den Uebergang ins Er-