Ehrlichkeit.
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und selber lügen, heißt doppelte Anleitung zur Lüge geben, die eine durch Beispiel, dieandere durch gerechtfertigten Widerstand. Und man soll bedenken, wie empfindlich dieAufmerksamkeit der Kinder für die derartigen Verfehlungen ihrer Erzieher ist; sie habenhierin einen noch nicht abgestumpften Geschmack, daher ihnen schon die conventionellenUnredlichkeiten zum Anstoß gereichen, geschweige die tiefe Verletzung, wenn es für Vateroder Mutter roth werden muß, weil es sieht, wie eins das andere hintergeht. Schonaus Selbstachtung hat man sich zu hüten, vor der unverdorbenen Kindheit sich keine Blößezu geben und wer steht dem Erzieher dafür, ob nicht eine von ihm selbst nicht bedachtekleine Unredlichkeit als giftiger Fruchtkeim sich ins Herz des Zöglings senkt? Llaximaäobsimr xrwro rsvsrorckia. — Man soll aber auch nicht zum Lügen reizen; welchesgeschieht durch übermäßige Strenge und tyrannische Bestrafung der Fehler. Es giebtVäter, welche dadurch Mutter sammt Kindern und Gesinde in einen VerschwörungSzu-stand des Verheimlichens und Vertuschens gegen sich versetzen, indem sie aus ungezähmterLeidenschaftlichkeit oder austerem Wesen oder wenn sie der Beruf ermüdet und verdrießlichgemacht hat, auch gegen geringe Verfehlungen toben und den Stab Wehe schwingen.Aber den Vater hintergchen, nur damit das Kind nicht gezüchtigt werde, ist mütterlicheThorheit, die sich bald schwer bestraft. Entschuldbar wird das Verheimlichen gegenübereinem kranken Vater nur dann, wenn dafür die Mutter für sich das Amt der Strengeübt. Auch das pedantische Wesen, welches vom Knaben schon männliche Haltung ver-langt oder das kindliche Empfinden in den Model eines moralischen oder religiösenSystems einzwängt, reizt zur Lüge: nicht minder das Lieben und Loben eines vorzeitigenEingehens von Seiten des Kindes in die Ausdrnckswcise der Erwachsenen über Erfah-rungen und Zustände des innern Lebens, als womit häufig keine wirkliche Bewegungim Herzen, sondern nur die Ablagerung einer Kruste von Redensarten um das Herz hersich verbindet. Religiöse Bildung ist himmelweit verschieden von der Hebung im Hand-haben religiöser Knnstausdrücke. Wer nicht im Stande ist, der Individualität seines 'Kindes Luft zu lasten, der trägt dies zur Strafe davon, statt eines Gottesgeschöpfes einScheinwesen nach seinem Sinn vor sich, und hinter seinem Rücken eine entartete Wirk-lichkeit zu haben. Auf solchem Boden wachsen die Tuckmäuser. Langsamer ist der Weg,auf welchem man frei läßt und am frei sich Entfaltenden bilden und heilen hilft, aberdabei gewinnt man zum Lohn ein aufrichtiges Wesen, das nichts weiß von Heucheleiund Schmeichelei. — Dies hinsichtlich der eingeimpften oder aufgenöthigten Lügen, dieder Erzieher verschuldet. Lügen aus Muthwillen sind zu züchtigen, die ans Bosheitstrenge zu strafen, gegen gewohnheitsmäßiges Lügen bedarf es eines beharrlichen undenergischen Heilverfahrens und soll hier nichts übersehen noch geschenkt werden. Manbeobachtet aber auch bisweilen, namentlich bei lebhaften Knaben eine Art von Unwahrheit,die aus der Phantasie stammt, ein so zu sagen poetisches Lügen. Wer sieht in dieEntwicklung und Anseinanderwicklnng der im kindlichen Geist auftauchenden Bilver undGedanken hinein? wissen wir Alten doch fast gar nichts mehr aus der Zeit, da wirselbst im Traum der Kindheit, im halbwachen Zustand beim Uebergang zum klaren Selbst-bewusstsein uns befanden. Nicht jede Unwahrheit ist hier als Lüge zu behandeln, aberdem lebhaften Kind ist desto gewisser Beschäftigung mit Reellem zu geben, und es istzu sorgen, daß es einen Unterschied mache zwischen dem Spiel mit Puppen, die der freienHerrschaft seiner Phantasie überantwortet sind, und zwischen dem, was es mit Menschenredet. — Am häufigsten irren Jüngere von der Wahrheit ab, wenn sie Hergänge erzählensollen, wobei sie selbst leidenschaftlich betheiligt waren, z. B. Händel mit Kameraden,oder eine Züchtigung vom Lehrer; hier pflegt jeder sich selbst unschuldig zu wissen, nichtnothwendig aus Bosheit, sondern meist aus gestörter Auffassung, und desto gewisser, wennman daheim ihm den Kopf hebt. Was nun jene Händel betrifft, so läßt sich in derRegel nicht entwirren, wie und wie viel jeder Recht oder Unrecht hatte, und ist auchmeistens nicht nöthig, sondern besser, wenig Gehör geben und den Klagenden sich mitdem begnügen heißen, das er empfangen habe; Lehrerzüchtigungen aber, wenn sie auch