Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
51
Einzelbild herunterladen
 

Ehrgefühl.

51

logischen Seminarien in Württemberg eintrat, dort aber, weil die ganze Lehrart einevöllig andre war, als die er vorher war gewohnt gewesen, und niemand ihn für dasihm Neue recht zu gewinnen wußte, bald zurückblieb, auf Allotria verfiel und so mitdem Bewußtsein, daß er nun einmal stets unter der Linie der Mittelmäßigkeit zu blei-ben bestimmt sei, aus der Anstalt schied. Mit demselben Bewußtsein trat er sofort imTübinger Seminar vor den Repetenten, als dieser ihn citirt hatte, um den ersten Auf-satz über ein geschichtliches Thema mit ihm durchzusprechen, und erwartete dasselbe Ur-theil, das er seit Jahren stets vernommen. Statt dessen wurden ihm zwar, wie sich vonselbst versteht, keine Elogen gemacht, aber einfach seine Arbeit als eine tüchtige aner-kannt und das noch Mangelhafte daran in einer Weise aufgezeigt, daß er darin dasliebevolle Interesse, das der Corrector an der Arbeit genommen, nur noch mehr erkannte.Von Stunde an arbeitete er mit Lust und Liebe und mit Erfolg; daß aber nicht etwasofort der Ehrgeiz ihn stachelte, sondern daß es lediglich die Liebe zur Arbeit selberwar, die ihn beherrschte, davon hat er in thatsächlichen Proben, in welchen der Ehrgeizdem ihm gebotenen Reize nicht widerstanden hätte, später mehr als Einen Beweis ge-liefert. Also Anerkennung, wie sie die Wahrheit fordert und die Liebe so gern aus- .spricht, darf allerdings der Erzieher nicht versagen; ist durch Versagung derselben, odergar durch positive Herabsetzung, oder durch eine unverdiente oder nur in verletzenderWeise, vielleicht vor Fremden, vor Dienstboten rc. ausgesprochene Beschämung (s. d. Art.Bd. I. S. 576) dem Kinde das Vertrauen genommen, daß es etwas ordentliches jemalszu Stande bringen könne oder daß man, was es leiste, jemals gelten lassen werde: dannist freilich dem Ehrgeiz gesteuert, aber auch das Ehrgefühl selber erstickt. Richtiges hatin dieser Beziehung eine Schriftüber Knabenerziehung", von Oppel, Franks, a. M.1858, S. 65 gesagt:Eine Arbeit unbeachtet bei Seite legen sollst du nicht; du thustdem Kind allzu wehe, wenn du keine Notiz nimmst von etwas, was es mit Mühe undAnstrengung zu Stande gebracht hat. Man muß einem Kinde, um es von einem Fehlerzu heilen, keinen Stich ins Herz geben." Wenn übrigens derselbe Vers, sich dem Ehr-geiz gegenüber davon viel verspricht, daß der Erzieher nicht den Zögling selbst, sondernnur die Leistung, z. B. nicht den Zeichner, sondern die Zeichnung loben soll, so gestehenwir, dies in Bezug auf die sittliche Wirkung für ziemlich einerlei zu halten; in derZeichnung fühlt sich der Zeichner vollkommen anerkannt, auch wenn man nicht an ihndirect das Lob richtet. In dem Sinn aber geben wir auch hier dem Vers. Recht, daßdas Lob nie abgesehen von einer einzelnen Thal oder Leistung, nie als Gesammturtheilüber den Zögling ausgesprochen werden soll. Ist doch der Charakter, der sittliche Werthdes jungen Menschen noch gar nicht ein fertiger; ein allgemeines Lob aber kann ihnleicht auf die Meinung bringen, daß er sein Prädicat nunmehr sicher habe, und geradediese Meinung kann ihn um dasselbe bringen. Ob aber das Lob von dem Zöglingrichtig verstanden wird und darum auch in der entsprechenden Weise wirkt, das zeigtsich vornehmlich daran, ob ihm daran liegt, wer ihm dasselbe ertheilt, oder ob ihm diepersönliche Würdigkeit des Beurtheilenden gleichgültig ist, weil er jedem, der ihn lobt,um den Hals fallen möchte. Als der sechsjährige Mozart in Wien vor Franz I. spie-len sollte, verlangte er, der Kapellmeister Wagenseil solle kommen, denn der verstehe es.Der dreißigjährige Mozart hat noch dasselbe feine Ehrgefühl bewiesen, da er sich nieverleiten ließ, um der Ehre bei der Menge willen seinem Genius untreu zu werden.Von mehreren (wie Schwarz Erz.-L. bearb. von Curtman I. S. 150., Schre-ker u. A.) ist nicht unrichtig bemerkt, daß solche Personen, die nur von Zeit zu Zeitin Haus oder Schule kommen in letzterer wäre es der Visitator, mit ihrem Ur-theil mehr wirken, als die beständige Umgebung des Kindes. Doch dürfte weniger diesespersönliche Fernerstehen, als die sittliche und intellectuelle Tüchtigkeit, die Auctorität, diedemjenigen beiwohnt, der ein Lob, ein anerkennendes Wort ausspricht, dasjenige sein,worin der wahrhaft Ehrliebende eine Satisfaction findet; wer die Stimmen nicht wägt,sondern lieber zählt, dessen Ehrliebe ist schon nicht rein.