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Ehrgefühl.
als möglich sich vor — zurückgestoßen zu werden. Grade in solchen Dingen, wo keinLob durchs Rechtthun erlangt, sondern nur durchs Unrechtthnn Schande zu erleben ist,liegt am meisten daran, das Ehrgefühl so, wie wir sagten, d. h. vornehmlich als Schamgefühlwach und verletzbar zu erhalten. Es ist aber in dieser Beziehung nicht nothwendig,daß man dem Zögling eine Vorlesung über Menschenwürde halt, sondern nur, daß manvon zartestem Alter an in oonoroto das Unehrenhafte stets als solches ihm bezeichnet;gräbt sich der Abscheu gegen alle einzelnen malhonetten Dinge in das Bewußtsein, indas Gefühl des Kindes ein, so ist eb en damit für das Halten auf Ehre am besten vorge-sorgt. Grube hat dies in der Schrift: „Von der sittlichen Bildung der Jugend" durchzwei Beispiele aus seinem eignen Leben anschaulich gemacht; es sei nämlich in seinemElternhause eine jede gefallene Weibsperson mit dem deutschen Kernworte benannt wor-den und zwar mit natürlicher, von Modebegriffen noch nicht geschwächter Indignation,die sich selbst auf das uneheliche Kind erstreckte. „Die Vorstellung der Schande solcherVerhältnisse", sagt er S. 160 f. „drang lebendig in mein Gcmüth, und wenn ich zufälligin die Nähe solcher als unehrlich bezeichneten Personen kam, konnte ich mich einer ge-wissen Furcht nicht erwehren, von ihnen verunreinigt zu werden. Der andre praktischeBegriff von Ehre betraf das Schuldenmachen. Der Vater war immer höchst unglück-lich, wenn er sich außer Stande sah, zu der bestimmten Frist seine Schuld abzutragen.Ich war oft Zeuge seines Kummers und seiner Klagen. Lieber halb satt, pflegte er zusagen, als Schulden machen. Ich schämte mich mit, wenn der Gläubiger vor dem Hausevorbeigieng oder ich ihm auf der Straße begegnete, trinmphirte aber auch mit, wenn ichdas Gelv überbringen konnte." Gewiß, das ist der beste Weg, Ehre und Ehrgefühlzu pflanzen. Dabei wird mehr erreicht, als auf folgende, von Flattich (s. dessen Leben,von Ledderhose, S. 254) geschilderte Art: „Ein Pfarrer in M. hatte viele Kinder,und ungeachtet sie große Unarten an sich hatten, mußte sie jedermann ehren; da sienoch ganz klein waren, mußte man sie „Jungfer" und „Herr" nennen. Von allendiesen Kindern ist hernach keines in Herrcnstand gekommen und sind alle verdorben.Anfangs suchte auch ich meine Kostgänger durch Ehrgeiz zum Lernen aufzumuntern. Ichstellte ihnen vor, was sie werden könnten, wenn sie recht fleißig lernten. Aber einermeiner Kostgänger wurde dadurch so hochmüthig, daß er mich verachtete und sagte: soein schlechter Dorfpfarrer möchte er nicht werden."
Zu jenen negativen Regeln gehört ferner, daß der Erzieher nicht durch Schimpf-reden, durch Unnamen, die er den Kindern giebt, das Ehrgefühl in diesen zuerst ver-letze, allmählich aber tödte (vgl. d. Art. Beschimpfung); so wie er auch unter den Kin-dern selber keinen Ton darf herrschend werden lassen, durch den beide, der Scheltendewie der Gescholtene gleichmäßig gemein werden. Die Schulordnungen haben je und jediesen Punct speciell berührt, so z. B. die hessische Instruction für die xrasosxtoissund Schulmeister v. I. 1670 (s. Heppe, Geschichte des deutschen Volksschulwesens,II. S. 54): „Die Lehrer sollen von allen Spottredeu, Flüchen, groben Scheltwortenund schimpflichen Beinamen, die den Kindern nachgehends ihr Lebenlang anhängen, sichgänzlich enthalten rc." Und was die Kinder selbst betrifft, so sollen sie, sagt die würt-tembergische Kirchenordnung von 1559, — (s. Vormbaum, evang. Schulordnungen I.S. 162) — angehalten werden, miteinander „fridlich und schidlich zu sein und gegeneinander sich alles verspottens und schmähens zu enthalten."
Indessen ist mit Obigem die positive Pflege des Ehrgefühls ebensowenig ausge-schlossen, als damit gesagt sein will, daß man, wo sich dasselbe bereits entwickelt, nurdämpfen müße, um seine Ausartung in Ehrgeiz zu verhindern. Hat der Zögling sichin irgend etwas, sei's eine gefertigte Arbeit, sei's eine löbliche Handlung, wacker gehalten,so wäre es eine ganz verkehrte Maßregel, sich zu stellen, als beachtete man es nicht, alswäre es gar nichts von Bedeutung, oder an allem nnr immer die schwache Seite her-vorzukehrcn. Das macht nicht demüthig, sondern muthlos. Der Unterzeichnete kennteinen Mann, der einst wohlvorbereitet und an Fleiß gewohnt in eines der niedern theo-