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Ehrgefühl.
eingepflauzten Ehrtrieb reden; denn für alles, was in der sittlichen Weltordnung objectivein Gut ist, hat Gott dem Menschen auch ein Bedürfnis, ein Begehren angeschaffen,das ihn nach jenem Gute hintreibt. Aber wie der Geschlechtstrieb im Kinde noch garnicht als Trieb sich manifestirt, sondern noch gänzlich verhüllt und eingeschlossen liegtim Schamgefühl, so ist es auch das wahrhaft Natürliche, daß der Ehrtrieb im Kindenoch gar nicht als Trieb, als ein naturnothwendiges, wenn auch vorerst noch dunklesBegehren nach Ehre und Auszeichnung auftritt (läßt sich das Kind schon gerne bewun-dern, etwa in einem neuen Hut oder neuen Nock, so hat das mit dem Ehrtrieb nichtszu schaffen, es ist entweder ein Ansatz von Eitelkeit oder gehört es in die Kategoriedes Vergnügens, das dem Kinde jeder Wechsel des Costümes, daher auch jede Verklei-dung macht), sondern daß er erst in der milderen, passiven Form des Ehrgefühls ---das, eben als Gefühl im Unterschiede von Trieb, die Ehre nicht sucht, nicht anstrebt,aber, wenn sie kommt, sie empfindet — und auch in dieser Form vielmehr negativ alspositiv wirksam ist. Schande ist ja möglich für das Kind, wenn es etwas albernes oderunanständiges gemacht hat; es hat bereits Verstand, es weiß oder soll wissen, was schick-lich und ordentlich ist, man setzt bei ihm, zumal wenn es einem geordneten Hause an-gehört, jenes Wissen und die Gewöhnung an bas Gute voraus; sinkt es nun unterdiese Linie, so muß es sich schämen; hält es sich aber auf ihr, so erregt dies zwarWohlgefallen, man wird es lieb haben, aber es darum zu ehren, liegt kein Grund vor;dem reinen kindlichen Gemüthe wird das Unangemessene der eigentlichen Ehrenerweisung,auch wenn es sich derselben würdig gezeigt hat, ohne nach ihr zu streben, deutlich fühl-bar, denn das bescheidene Kind, der bescheidene Jüngling erröthet, wenn man ihm insGesicht Lobsprüche ertheilt. Und dieses negative und passive Verhalten muß in derThat auch für die späteren Jahre, ja fürs ganze sittliche Leben als Hauptsache angesehenwerden; darnach wird also auch der Erzieher seine Maßregeln zu nehmen haben. Dennauch der Mann, wofern er ein Ehrist ist, wird dem Ehrtrieb nur in so weit folgenund sich von demselben bestimmen lassen, daß er nicht zurückbleibt hinter sich selbst;kennt er einmal die Kraft und Gabe, die ihm Gott verliehen, so soll er auch vor derWelt nicht dastehen, als hätte er sie nicht empfangen; hat ihn Gott dessen würdig ge-achtet, so soll er nicht durch Läßigkeit sich dessen unwürdig zeigen; hat der Künstler, derSchriftsteller schon durch irgend eine Leistung Zeugnis gegeben von der Fähigkeit, dieer besitzt, so soll er, nachdem er Bedeutendes geschaffen, nichts Unbedeutendes mehr mitseinem Namen zieren: das alles lehrt ihn sein Ehrgefühl, aber man sieht, wie auch inihm der Ehrtrieb mehr auf negativem als positivem Wege, mehr zurückhaltend undcastigirend als vorwärts treibend wirkt. All jenen Fleiß, überhaupt alle löbliche Thätig-keit (Phil. 4, 8. ist etwa ein Lob, dem denket nach) gebietet in letzter Instanz das Ge-wissen; es ist einfach die Treue des Haushalters, die damit gefordert wird (vgl. 1 Petr.4, 10. 1 Tim. 4, 14.); aber wie die Schrift selber den Gedanken an die Menschen undihr Urtheil über uns als wirksamen Hebel anerkennt und anwendet (vgl. 1 Tim. 6, 12.,wo Timotheus an die vielen Zeugen erinnert wird, die sein Bekenntnis gehört haben,vor denen er also ehrlos dastände, wenn er dasselbe verleugnen würde), so liegt es inder Art des Menschen, daß, auch wo das Gewissen deutlich spricht, ihm solch einSporn daneben noch sehr zu Statten kommt, zumal wenn dieser selbst, ob er gleichzunächst in einem menschlichen Gefühle, in der Furcht vor Schande, besteht, dennochin seinem letzten Grunde auf sittlichen Priucipien ruht. Sobald aber einmal jenernegative Charakter dem positiven Begehren nach Ehre Platz macht, sobald die Ehre nichtmehr nur die Probe der Rechnung, sondern das Facit selber ist, dann tritt die Gefahrein, daß die im Ehrgefühl sich noch bescheiden kundgebende Ehrliebe oder der in dieserzum Bewußtsein kommende Ehrtrieb ansartet in Ehrgeiz, und, wenn dieser noch krank-haft sich steigert, in Ehrsucht. Diese letzteren sind so wenig bloße Steigerungen desEhrgefühls, daß gerade je mehr Ehrgeiz da ist, um so schwächer das Ehrgefühl wird.Der Ehrgeizige hascht so leidenschaftlich nach seinem Phantom, daß er gar nicht mehr