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Ehrgefühl.
als Güter, auf welchem Gebiete des Lebens ihr Werth auch liegen mag, so werdensie, wo sie mir in einem Menschen personificirt begegnen, jenes Wohlgefallen, jeneFreude in mir erregen, die eben den Charakter der Ehre und Ehrerbietung annimmt,weil es die Freude an einem objectiven, der sittlichen Welt irgendwie zugehörigen Gut,das ich als eine Größe erkenne, — also kurz gesagt: an einer göttlichen Gabe und Kraftist. Solche göttliche Kraft steht mir in einem hohen Talent, in einem edlen Kunstwerk,mehr aber noch in jeder sittlichen Trefflichkeit, in Charakter, Wort und That gegenüber.Was mir dieser Art begegnet, an dem kann ich nicht gleichgültig vorüber gehen, ich mußdavor stehen bleiben; ich habe aber auch nicht bloß meine Augenweide daran, sondernfühle mich durch das Große, das Hohe in demselben in die eigenthümliche Gemüths-verfafsung gebracht, daß ich zu dem, was mir so in seiner Würde erkennbar ist, michmächtig hingezogen fühle, aber zugleich auch ebenso stark inne werde, es sei etwas, dasich nicht antasten, mit dem ich nicht nach Belieben verfahren darf. Hierin liegt dieVerwandtschaft dieses Gefühls der Ehrerbietung mit dem der Achtung, allein sie ver-halten sich nicht wie Gradunterschiede zu einander; jemand zu achten, dazu kann ichmich durch einzelne Eigenschaften desselben gezwungen sehen, während ich daneben viel-leicht das Gefühl tiefer Abneigung gegen ihn hege; ehren aber und verehren kann ichihn nur, wenn mich das Treffliche in ihm zugleich zum Wohlgefallen der Liebe stimmt.Die Achtung entspricht dem Rechte, das die Lebenssphären abgränzt gegen einander, dieVerehrung dagegen der Liebe, sie ist wie diese ein Ergänzen unsres eignen Selbst durchdas andre (vgl. Fichte a. a. O., S. 60 u. 61). Daraus geht auch die einfache Con-sequenz hervor, daß, wer dieses Gefühls nicht mehr fähig ist, ein unsittlicher, ein geistigtodter Mensch sein muß; jene göttlichen Gaben und Kräfte, die in Form von Talentenund Charakteren dem Menschengeschlechte verliehen sind, existiren für ihn nicht mehr.Dem Kind, dem Knaben, dem Jüngling ist es natürlich, ja ein Bedürfnis, sich anMenschen von Würde und Bedeutung innerlich emporzurichten, indem man sie ehrt;der Erzieher darf diesem Triebe nur Nahrung geben, ihn auf die rechten Puncte leitenund selber sich für jenes Gefühl warm halten, so wird es auch im Zögling erstarken,während er durch die kritische Mäkelei, die sich weise und vornehm dünkt, wenn sie dieFertigkeit besitzt, „das Strahlende zu schwärzen und das Erhabne in den Staub zuziehn" eine der edelsten Wurzeln der Sittlichkeit, den Glauben der Jugend an Großesund Edles in der Menschennatur und Menschengeschichte, zerstört. — Für denjenigensofort, dem Ehre widerfährt, der sie empfängt, ist sie ein Gut, das durch Gottes Wortim 8. Gebot ausdrücklich, wie Leben und Eigenthum, in Schutz genommen ist; einGut, welches der, dem es zufällt, annehmen, dessen er sich freuen darf, ohne es dochjemals so zum Zwecke werden zu lassen, daß er, was er rechtschaffenes thut und tüch-tiges leistet, nicht thun, nicht leisten würde, wenn nicht jene Zugabe ihm sicher wäre.Fände niemand etwas an mir, um dessen willen er mich ehren würde, so wären nurzwei Ursachen möglich. Entweder ist wirklich nichts an mir, ich habe keinen persönlichenWerth; wenn ich heute vom Erdboden verschwinde, ist lediglich nichts an mir verloren.„Wehe aber dem, dem nichts daran liegt, ob in ihm, in seinem Wesen und Leben nochirgend ein Abglanz sei, noch irgend eine Mittheilung und Gabe von der HerrlichkeitGottes!" (Nitzsch, Predigten II. Auswahl Nro. 3.) Dieser Nullität gegenüber, fürdie ein Mensch nicht geschaffen ist, der Gottes Bild sein soll, ist die uns widerfahrendeEhre ein tröstliches Zeichen, daß wir einen wenn auch bescheidenen, doch erkennbarenWerth haben; gerade denen, die in sich selber mehr Mistrauen als Vertrauen setzen,dient ein ehrendes Wort zur Aufrichtung und Ermuthigung, bringt ihre Thatkraft wie-der in Fluß und ist so ein wohlthätiges Gegengewicht gegen die Verzagtheit eines ängst-lichen Gemüths. Oder aber läge die Ursache jenes Mangels an aller Ehre darin, daßdie Gaben und Tugenden, die ich in Wahrheit besitze, von der Gemeinschaft, in derenMitte ich lebe, von meinen Zeitgenossen rc. nur nicht erkannt werden.. Das ist be-kanntlich das Schicksal manches großen Mannes gewesen, der eben zu groß war für