Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
45
Einzelbild herunterladen
 

Ehrgefühl.

45

durchaus immateriell ist; sie ist ein geistiges Gut, das seine Realität im Gemiith und in derPhantasie hat, das eben darum als ein Gut selbst demjenigen, d. h. seinem Namen, noch zu-kommt, der vielleicht längst gestorben ist und somit persönlich keinen Genuß mehr davon hat.Hieraus begreifen wir, warum es bei der Ehre so viel auf Zeichen derselben, auf Sym-bole ankommt, eben weil sie als etwas immaterielles eines Bildes bedarf, um in dieErscheinung zu treten. Der Reiche bedarf nicht nothwendig symbolischer Zeichen, dieseinen Reichthum bekunden; legt er aber Werth auf solche, so geschieht es schon, weil erneben dem Reichthum, wenn auch vielleicht bloß wegen desselben, auch Ehre haben will;begehrt er diese Zugabe nicht, so ist er ein Knicker. Ehre dagegen kann keiner haben,ohne daß sich dieselbe in einem Symbol sichtbar machte; ists auch kein Titel, keine Uni-form, kein Mandarinenknopf, so ists doch, daß ich den Hut vor ihm abziehe. Eben hierinliegt aber auch die Gefahr, daß auf das Symbol statt auf die Sache selber der Haupt-werth gelegt wird; will man bloß das Zeichen, ohne daß man um die Sache selber sichbemüht, oder bemüht man sich um die Sache bloß wegen der angenehmen Empfindung,die das Zeichen derselben in uns erregt, dann ist die Ehre zur Puppe der Eitelkeit ge-macht (s. d. Art.) und damit entwerthet. Die Sache selbst aber, das Gut, das wirEhre nennen, ist von zwei Seiten zu betrachten: 1) sofern die Ehre, um als Gut wirk-lich zu sein, demjenigen, dem sie dies sein soll, erst erwiesen, und um erwiesen werdenzu können, erst gegen ihn empfunden werden muß, empfunden nämlich als Wirkungdes Eindrucks, den wir tief im Gemüth von einer Person, einer That, einem Werk em-pfangen haben; und 2) sofern derjenige, dem Ehre in irgend einer Art widerfährt, die-selbe ebenso wirklich als ein Gut empfindet und genießt. Beide, der Ehrende und derGeehrte, müßen für einander fühlen; erst aus dieser Correspondenz zweier subjectivenStimmungen, für die somit in beiden die Empfänglichkeit vorhanden sein muß, ent-springt die Ehre als ein Gut, als reeller Besitz, ähnlich wie die Freundschaft, nur daßdie Stimmung zu dieser und in dieser anders modificirt ist. In erster Beziehung istFolgendes zu bemerken. Daß ich einen Menschen ehre, das fühle ich; der AusdruckEhrerbietung fühlen" ist hiefür nicht ganz der richtige, sofern das Erbieten ein Thunund nicht ein Fühlen ist; der NameEhrfurcht" ist psychologisch richtiger, drückt abernur das Maximum jenes Gefühls aus, das da eintritt, wo der Gegenstand der Ehremir wie etwas heiliges, überirdisches gegenübersteht, dem jene Art der Furcht entspricht,die nichts von Pein in sich hat (1 Joh. 4,18), sondern uns zu ihrem Gegenstand ebensohinzieht und in seiner Nähe uns erhebt, wie uns derselbe durch seine Hoheit es unmög-lich macht, uns gehen zu laßen, zu reden, was nns in den Mund, zu thun, wasuns in den Sinn kommt. Jenes Gefühl nun ist einerseits ein Wohlgefallen und zwarwesentlich dasselbe, wie es in der Liebe enthalten ist, daher Lieben und Ehren nicht nurzwei coordinirte, sondern innerlich verwandte Begriffe sind, so verwandt, daß wir in derThat einen Menschen, den zu lieben unmöglich ist, auch nicht wirklich ehren können.Aber andrerseits unterscheidet sich Lieben und Ehren dadurch, daß die Liebe es nichtmit Eigenschaften, sondern einzig mit der Person zu thun hat, das Ehren aber geht aufetwas objectives, allgemeines, dessen Träger die Person ist, das ich in dieser verkörpertsehe und in ihr ehre. Das Kind liebt Vater und Mutter, weil sie Vater und Muttersind, aber es ehrt in ihnen die Auctorität, die Stellvertreter Gottes. Eine Schönheitwird geliebt; die Schönheit aber, in abstracto, wird man ehren und weil letztere nirgendsfür sich existirt, so wird auch erstere, aber nur als Trägerin der letztem geehrt, währenddas, was man in ihr liebt, ihr concretes Selbst ist. Daher ists aber auch nicht noth-wcndig, daß, wenn ich jemand ehren soll, er Vorzüge besitzen muß, die ich selbst nichtbesitze; ein Fürst kann persönlich noch tapferer sein, als der Hauptmann, dem er wegenseiner Tapferkeit Ehren erweist: es ist nicht das relative Verhältnis zwischen der Tugend,dem Talent, den Leistungen des einen und des andern, sondern es ist der absolute Werthderselben, mit dem sich die Person identisicirt. Sobald also die Eigenschaften einesMenschen schon an sich von mir erkannt sind in ihrem Werthe, sobald ich sie erkenne