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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Nachahmung.

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bewirkt, als die Unwissenheit darüber, daß man dies und jenes auch anders thun und unter-lassen könne. Ferner aber wird ein jüngeres Kind etwas, was ihm für seine Personunangenehm ist, wohl schwerlich jemals einzig aus dem Grunde dennoch thun, weil esficht, daß das ältere Geschwister dasselbe thut; kennt man doch Beispiele, daß ein kleinerKnabe, dem das Verhalten eines älteren als beschämendes Muster vorgehalten wird,einfach erwidert:wenn ich der wäre, so würde ich's auch anders machen"; solch einkleiner Junge bildet sich also schon ein, daß nun einmal er eine andere Naturbestimmthcithabe, als der andere, mithin unmöglich so tugendhaft sein könne wie dieser. Nicht wohl-gethan ist es, wenn Eltern oder Lehrer eines der Kinder wiederholt oder permanent denAndern als Muster zur Nachahmung vorstellen; denn die Wirkung bleibt nicht aus, daßdieser Tugendspiegel Gegenstand des Hasses der andern wird,-oder daß sie es doch aufjede Weise drauf anlegen, auch an ihm Flecken zu entdecken, durch welche jene Nach-ahmungswürdigkeit sinken würde und sie aufs neue berechtigt wären, zu bleiben, wie siesind. Daß in Schulen und Instituten sehr viel gewonnen ist, wenn eine Anzahl vonZöglingen allen übrigen zum Vorbild dient, sei hier nur berührt; denn wenn diesewirklich einen erfreulichen Einfluß auf die übrigen ausüben, so ist es in diesem Falldoch nicht der Nachahmungstrieb, auf den jene Vorbilder wirken, es ist vielmehr der vondiesen hervorgerufene oder beherrschte Classengeist, also einerseits das von ihnen erregteund in bestimmte Richtung gebrachte allgemeine Ehrgefühl, andererseits aber die sittlicheAuctorität vielleicht weniger, aber energischer Persönlichkeiten, welcher sich die andernunwillkürlich oder, wenn auch mit inneren Widerstreben, doch im Gefühl der Macht-losigkeit unterwerfen.

Ein Gebiet der Nachahmung haben wir absichtlich oben noch nicht berührt, weil esnicht dem Kindesalter eigentlich angehört die Mode. Von ihr war schon in demArt. Mädchenerziehung, Bd. IV. S. 534 f. die Rede; da sie jedoch in viel weiteremUmfang ihre despotische Macht ausübt, ist doch ein Jüngling oder gar ein Mann,der dieser Göttin huldigt, d. h. ein Zierbengel, ein noch widerlicheres Geschöpf als eineModenärrin so wird hier noch ein Wort über diesen Gegenstand zu sagen sein.Man ist darum noch kein Mönch, wenn man sich über die allgemeine sklavische Unter-werfung unter die Tyrannei der Mode ärgert; nicht, daß einer und eine sich kleidenwie die andern, ist das Falsche und Unwürdige, sondern daß, was eine Pariser Schneiderinfür schön zu erklären beliebt, sofort in aller Welt gläubig hingenommen und eifrig nach-gemacht wird, auch wenn es das Geschmackloseste wäre und aussieht, wie wenn sich einewilde Phantasie expreß darauf gelegt hätte, das zu ersinnen, was einen Mcnschenleib amhäßlichsten entstellt und daß mit jeder Saison wieder neue Erfindungen gleichenWerthes gemacht und angenommen werden; daß hiedurch die nationalen und provinciellenVolkstrachten, die doch wenigstens Charakter, wenn nicht wirkliche Schönheit hatten,verdrängt werden: das ist das Aergerliche an der Sache.*) Nun kann sich der Einzelnediesem Uebel freilich nicht entgegenstemmen; würde er dies an seiner Person und durchväterlichen Zwang auch an seiner Familie thun, so käme gerade hiedurch zu Tage, daßer in etwas an sich gleichgültiges einen allzuhohen Werth setze; es wäre abermals eineEitelkeit, die sich darin verriethe, wogegen der Vernünftige sich hütet, irgend welche Auf-merksamkeit zu erregen, die seiner Kleidung gilt. Dies letztere ist oft gerade der Grund,warum Knaben in einem gewißen Alter sich gegen einen neuen und neumodischen Anzug

*) H. Hauff sagt in seiner Schrift: Moden und Trachten, 1840, S. 103:Jedes nationaleCostüm, auch das für uns zurückstoßendste uud abgeschmackteste hat seine Poesie, und das Augefindet überall schnell die Individuen heraus, welche durch natürlichen Geschmack und ungelernteKunstgriffe die Träger dieser Poesie sind. Unter diesen Umständen fragt es sich nicht, wasman trägt, sondern wie man das Gegebene trägt; bei der Modetracht ist es gerade umgekehrt.Hier ist die Basis des Bleibenden, des Gegebenen, des sich von selbst Verstehenden zu schmal,»nd auf ihr ruht ein buntes Aggregat zufälliger Motive, ein maßloses Gebäude, weshalb esauch jeden Augenblick theilweise einstürzt."