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Nachahmung.
Pfarrer das Evangelium liest, das Vater Unser betet, das kann einem jungen Ohr soneu sein, und so wohl gefallen, daß sofort ebenso gelesen und gebetet wird. Was indiesem Fall zur Nachahmung reizt, ist theils das Charakteristische, Originale schon alssolches, theils die Bereicherung, der Fortschritt über das Gewohnte hinaus, den derKnabe zu thun glaubt. Wofern solch eine Nachahmung nicht zur Thorheit wird, indemz. B. eine gute Handschrift dadurch verdorben oder ein übler Kanzelton ange-nommen wird (nicht alle Muster dieser Art sind ja mustergültig), kann man die Lieb-haberei gewähren lassen; der selbständige Geist wird sich zu rechter Zeit schon wiederherausarbeiten. Weniger zu hoffen ist dies letztere in dem Fall, wenn in höheren Lehr-anstalten, namentlich auf der Universität, ein Schüler sich zum Lehrer in solche Ab-hängigkeit versetzt, daß er dessen Ansichten unbedingt wie ein Evangelium sich aneignet,daß er namentlich die Terminologie desselben zu seiner eigenen Sprache macht und nunmeint, weil er diese zu handhaben verstehe, so sei er aller Weisheit Meister. Für dieWissenschaft ist es niemals ersprießlich, wenn sich z. B. eine philosophische, eine theologische,eine medicinische Schule aus solch blinden Nachbetern bildet, die dann um so fanatischereParteimenschen werden, je weniger Selbständigkeit sie sich bewahrt oder wieder errungenhaben. Ebenso hat es sich immer gezeigt, daß, wenn ein junger Theolog, z. B. diePredigtmanier eines Mannes nachahmt, der ihm als ein Ideal erscheint, alsdann dieCopie gerade die schwache Seite des Originals repräsentirt; was bei diesem der Aus-druck der vollen Selbständigkeit und darum aus einem Guß ist, daS bekommt manvom Nachahmer eben nur als Abklatsch und in Fetzen zu vernehmen. Deshalb stehenMänner, wie Schleiermacher als Lehrer so hoch, weil sie keine Schule stiften wollten;von solchen Führern gehen wohl Träger ihres Geistes, nicht aber ihres Costümes aus.
3. Endlich aber giebt es Dinge, in Bezug auf welche die Nachahmung nicht demeignen Trieb des Zöglings überlassen bleiben darf, sondern geradezu gefordert werdenmuß. Das Zeichnen, ja schon die Elemente des Schreibens lernt jeder nur durch'sCopiren von Vorlagen; ein Musikschüler muß den Clavieranschlag, den Bogenstrich erstsehen und hören, um ihn zu lernen, und wird weiterhin, wenn er die Kompositionstudiren will, die Methode eines Meisters in einer Fuge, in der Instrumentation u. s. w.nachahmen müßen, um zur freien Handhabung der Kunstmittel zu gelangen. Und wenn wires auch jetzt nicht mehr als das Kennzeichen höchster Gelehrsamkeit ansehen, daß manein ciceronianisches Latein schreiben, d. h. die eingelernten Phrasen gleichgültig gegen denInhalt in möglichst großer Menge produciren kann, so wird der Schüler doch nicht anderszur tüchtigen Handhabung einer Sprache gelangen, als dadurch, daß er sich, wo z. B.eine deutsche Redeweise in eine lateinische umzusetzen ist, solcher Stellen in klassischenMustern erinnert und darum diese sich vorher eingeprägt hat, in welchen für einenähnlichen Gedanken ein specifisch lateinischer Ausdruck ihm vorgekommen ist. Auch inder Muttersprache wird eine gute Diction nur dadurch erreicht, daß sich der Schüler(und wie oft noch der Mann! — denn auch in diesem Stück hat man sein Leben langzu lernen) beim Lesen die ausdrucksvollen Redeweisen merkt und am rechten Orte zurVerwendung bringt. Wer die Gabe origineller Sprache empfangen hat, wird geradehieran sich ausbilden, d. h. es ist auch hiebei nicht auf blindes Nachsprechen abgesehen.— In so weit aber die Nachahmung sich auf sittliche Vorbilder beziehen soll, ist darüberin dem Art. „Beispiel" (B. I. S. 484—487) von Grube bereits das Richtige gesagt,womit noch dessen Abhandlung, „von der Macht des Beispiels" (in seinen pädagogischenSkizzen „von der sittlichen Bildung der Jugend im ersten Jahrzehent" Leipzig 1855,S. 139—155) zu vergleichen ist. Wir haben nur weniges beizufügen. Grube sagt (inder angeführten Schrift S. 141), man habe in einer Familie gewonnenes Spiel, wennunter mehreren Geschwistern das älteste wohlgerathen sei. So allgemein dürfte dieserSatz doch kaum der Erfahrung entsprechen. Das Beispiel der älteren Familiengliederüberhaupt wirkt immerhin auf die jüngeren unbewußt ein; diese thun vieles, weil sie esnie anders gesehen haben; es ist weniger ein eigentlicher Nachahmungstrieb, der dies