Nachahmung. 691
hegt unstreitig ein Gemeinschaftstrieb zu Grunde, wo andere thLtig sind, möchte cs«ich mitthätig sein.
Eine zweite Form, in welcher der Nachahmungstrieb sich wirksam erweist, und dieweit über jene erste Periode hinausreicht, ist das Spiel, in soweit es eben darin besteht,daß Thätigkeiten der Erwachsenen nachgebildet werden. Wenn der Knabe sein Stecken-pferd oder seinen Wiegengaul reitet, wenn er seine Bleisoldaten in Schlachtordnung stellt,wenn das Mädchen seine Puppe bemuttert oder in der Puppenstube eine Kaffeevisitearrangirt, so liegt das Vergnügen darin, daß das Kind, weil es in der großen Welt nochnichts gilt, sich dafür eine kleine Welt schafft, an der eS mit dem Bewußtsein glücklich ist,die dieselbe ordnende und beherrschende Macht zu sein. So fessellos darin die Phantasiesich ergehen kann, cs sind doch immer Reminiscenzen aus der wirklichen Welt, ausdenen es sich die scinige zusammensetzt. Anders sind auch diejenigen Spiele nicht zudeuten, die bekanntlich von Fröbel systcmatisirt und mit meist unpoetischen Versen decorirtworden sind, in welchen der Müller, der Seiler u. s. w. nachgeahmt oder auch Katzeund Maus dargestellt wird; einerseits ergetzt sich das Kind an dem Gedanken, für eineWeile ein Müller ober gar dessen Rad zu sein, anderseits aber macht ihm gerade derungeheure Kontrast zwischen dem Nachbild und dem Urbild Spaß; man könnte diesfast mit dem Vergnügen vergleichen, das uns eine gute Carricatur gewährt. Ein ganzanderer Ernst ist es aber, wenn der Knabe seine Kameraden zu einem Bataillon formirtund als Commandant an ihrer Spitze schreitet; da dünkt er sich ein Mann zu sein, unddurch dieses momentane Bewußtsein steigert sich das Vergnügen des Sich-Tummelns umso mehr, je mehr es sich vom bloßen Springen und Ringen zu einer militärischen Form«hebt. Die bloße Bewegung und Kraftübung, die dem Körper Bedürfnis ist, gewinntdadurch einen höheren poetischen Charakter.
Was den beträchtlichen Schritt anbelangt, der von diesen höchst naturwüchsigen undimprovisirten Actionen zum wirklichen Schauspiel führt, so ist dieser schon in dem Art.Dramatische Aufführungen, B. II. S. 25—30 besprochen. Hieher dagegen gehört nochfolgendes:
1. Aufgeweckte Kinder haben ein scharfes Auge, um an den Personen, an deren Anblicksie nicht von der Wiege auf gewöhnt sind, jede Eigenheit der Stimme, der Redensart,des Ganges, der Geberde warzunehmen und dieses Wargcnommene sofort zu ihremeigenen und zu anderer Vergnügen nachzuahmen. Bei manchen ist es das angeborneTalent der Komik, was sich darin bethätigt; außerdem aber hat dieses Nachahmen darumeinen so starken Reiz, weil sich damit die Jugend einigermaßen schadlos hält für denZwang, den ihr die Auctorität eines Lehrers, Vorstehers, Predigers auferlegt; man mußdas als eine Art Jägerrecht passiren lassen, von dessen Anwendung auch der geachtetste, unterder Jugend populärste Mann nicht freigesprochen ist. Besser ist es freilich — und dergesammte Lehrstand darf sich das sagen — wenn ein Mann in solcher Stellung keineEigenheiten dieser Art an sich hat, d. h. sich von solchen Manieren, die man, im Unter-schiede von Gewohnheiten, Angewohnheiten nennt, freihält, und jeder von uns thut wohl,sich auch in dieser spcciellen Beziehung selber scharf zu beobachten, wie wir auch unserenFrauen es vielmehr danken, als übelnehmen sollten, wenn sie uns zeitig auf dergleichenSchwachheiten aufmerksam machen. Nimmt aber bei einem Jungen dieses Nachahmendm Charakter des Spottes, der Verhöhnung an, womit die innere Achtung und Liebenicht mehr zusammenbestehen kann, dann muß selbstverständlich jedes Mittel angewendetwerden, um solchem Gelüste gegenüber wenigstens die äußere Ehrerbietung zu erzwingen;damit wird auch der inneren wieder eher Raum gemacht.
2. Es giebt aber weiter eine Neigung zur Nachahmung, womit es dem Kinde voll-kommener Ernst ist. In einem Ort erscheint ein neuer Lehrer, Prediger re., der ihmimponirt; der Mann hat z. B. eine eigenthümliche Handschrift: sie wird nachgeahmt;wie er seine Bücher hat binden lassen, möchte ein Junge, der noch kaum ein DutzendBücher sein eigen nennen kann, sie auch in Reih und Glied beisammen sehen. Wie der