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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Nachahmung.

bieten. Allein was wahr ist, muß auch zugcstanden werden, und es kommt nur daraufan, daß wir diesen Zug im Bilde des Menschen eben als einen menschlichen, nicht alseinen thierischcn bezeichnen; um so mehr, als er beim Menschen nicht etwa, wie beimAffen, dazu dient, die ganze Creatur zu einer possierlichen zu machen; er hat einen höherenZweck, wie z. B. gerade das, was zur Signatur des Menschen als Menschen wesentlichgehört, die Sprache, seitdem es überhaupt eine ausgebildete Sprache giebt, durch Nach-ahmung bedingt ist. Der Urmensch freilich hat sie nicht auf diesem Weg erlernt, wieauch die Genesis nicht etwa Gott zum Sprachlehrer des ersten Menschen macht, er fuhrtdiesem vielmehr (2,19) die Thicre vor, und erwartet, wie er sie nennen würde, so solltensie auch fortan heißen. Das Schwarz-Curtmann'sche Lehrbuch der allgemeinen Päda-gogik (I, 177) rechnet auch das Gehen und den Gebrauch der Hände unter die Tinge, diedas Kind infolge seines Nachahmungstriebes lerne; das ist unrichtig, sofern nicht einebestimmte Art des Gehens und eine Kunstfertigkeit der Hände gemeint ist; denn zurBewegung überhaupt wird das Kind durch den allgemeinen physischen Lebcnstricb ver-anlaßt.

Aber was ruft denn überhaupt im Kinde die Neigung hervor, etwas nachzuthuu, wascs sieht oder hört? Zunächst verräth sich darin seine Aufmerksamkeit; der Cretin ahmtnichts nach, weil er auf nichts achtet, nichts sein Interesse erregt. Sofort aber wird manbeim geistig und leiblich gesunden Kinde auch in dieser Beziehung mehrere Entwicklungs-perioden unterscheiden müßen. In der ersten Unmündigkeit, die wir etwa über die dreiersten Jahre erstrecken können, wird die Nachahmung zu erklären sein aus dem Bedürfnis,das bloße Dasein noch mit irgend etwas weiterem auszufüllen, als Essen, Trinken undSchlafen; irgend eine menschliche Thätigkeit, als Gegensatz der Langenwcile, selbst zuerfinden vermag das Kind noch nicht, es wirkt erst der Eindruck dessen, was es siehtund hört, gleichsam auf jene innere Leere und ruft durch seinen Reiz die Lust hervor,auch zu thun, was andere thun; seine Vorstellung hat dann einen Stoff gewonnen,an dem cs sich ergetzt, der es unterhält, dessen es aber nur dadurch immer neu sichbemächtigt, daß es ihn, soweit seine kleine Kraft eS zuläßt, selbst reproducirt. Alssolches Object steht ihm ganz besonders Theilnahme erregend die Thierwelt gegenüberdie Stimme der Kuh, des Schafes, des Hundes, des Hahnes fallen ihm auf, eS ahmtsie nach, wenn es sie erblickt, wird dies aber bald auch thun, sobald nur die Vorstellungdes Thicrcs irgendwie in ihm erregt wird. Ebenso haben die Kinder in diesem Werdie Neigung, wenn sie singen hören, alsbald wie Canarienvögel auch ihre Stimme zuerheben, ohne sich um Melodie oder Harmonie zu kümmern. Die wichtigste Fruchtdieser Thätigkeit des Nachahmungstriebes ist das Sprechen, worüber wir auf den betreffen-den Artikel verweisen, um nur hinzuzufügen, daß das Kind 1) was es hört, deshalb nach-spricht, weil cs des Lautes und der damit sich verbindenden Vorstellung erst gleichsamhabhaft und sicher wird, indem es durch seine eigenen Stimmorgane ihn nachbildet, daheres vieles ohne allen weiteren Zweck nachspricht, daß aber 2) noch ein anderes Motiv mit-thätig ist, in welchem sich der Verstand offenbart, nemlich die Warnehmung, baß dasAussprachen gewißer Laute und Wörter das unfehlbare Mittel ist, gewiße Zwecke zuerreichen. Oft freilich eignet sich ein Kind auch später noch gehörte Wörter an, derenSinn ihm völlig unbekannt ist, die aber durch ihren Klang und besonders durch einegewiße Derbheit oder Energie einen Reiz ausüben, z. B. Kraftausdrücke, selbst Flücheoder Unanständigkeiten von Kutschern u. dgl. Ein weiteres Moment, das sichnoch in dieser ersten Periode einstellt, und schon einen ethischen Werth hat, kommt darinzu Tage, daß das Kind, wenn es zumal mehrere Personen in seiner Nähe arbeitensieht, Lust empfindet, auch dergleichen zu thun, wenn die Mutter und die Schwesternnähen, will das kleine Mädchen auch mit Nadel und Faden hantiren; wenn Kuchengebacken werden, verlangt es auch ein Stückchen Teig; freilich ist der kleine Producentbinnen kurzem auch Consument, noch ehe das Product in den Backofen gelangt; dem