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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Zuneigung.

Strafe entziehen will, nichts an Vater und Mutter zu bringen. Oder schwache Elternsuchen dem Söhnlein, das in der Schule seine gerechte Strafe empfangen hat, ihreZuneigung dadurch zu beweisen, daß sie seine Partei nehmen, es hätscheln und tröstenob der ausgestandenen Leiden, oder gar in seine Klagen wider den Lehrer einstnmnen.Es fehlt auch nicht an unpädagogischen Lehrern, welche durch allerlei läppische Kurzweilund übertriebene Spaßhaftigkeit sich die Zuneigung ihrer Schüler verschaffen wollenoder, einzelne derselben vorziehend, diesen recht auffallend und geflissentlich ihre Zuneigungzu erkennen geben, während sie anderen minder Glücklichen gegenüber nur so rauherund strenger auftrctcn. Sie erhöhen durch solche Parteilichkeit ihrer Neigung nicht nurdie Abneigung der ungerecht Zurückgesetzten wider die Person des Lehrers, sondernerzeugen auch tiefe Abneigung gegen seine Lieblinge, die sich bis zum Hasse steigernkann. Auch vor allzu großer Vertraulichkeit mit einzelnen Schülern, deren Eltern demLehrer befreundet sind und nahe stehen, ist zu warnen; sie thut der Zuneigung derMitschüler Abbruch. Ueberhaupt ist bei aller Wärme der Theilnahme an den Einzelnendem Lehrer doch eine gewiße Gleichmäßigkeit seines Benehmens der ganzen Classegegenüber zu empfehlen, und dazu gehört, daß er sich bei aller Ungezwungenheit des Verkehrsmit seinen Schülern doch in einer gewißcn achtunggebietenden Entfernung halte. Wirerinnern an ein beherzigenswcrthes Wort Beneke's (Erz. u. Unt-L. I. S. 435 inder 2. Anfl.):Bei aller Innigkeit, die im allgemeinen nicht groß genug sein kann,lasse doch der Erzieher das Verhältnis des Kindes zu ihm und sein Verhältnis zumKinde nicht zu vertraut werden: lasse diesem seine Schwäche und sich die Schwächendes Kindes in einer gewitzen Ferne und in gewißem Maße fremd bleiben, sonst stumpftsich die zarte Scham und Scheu ab, welche die Grundbedingung der gegenseitigen Achtungund der Vervollkommnung durch den Umgang ist; hier ebenso wie zwischen Ehegattenund Freunden." Wir fügen hinzu, daß diese zarte Scham und Scheu auch für dieDauer der Zuneigung die Grundbedingung ist, daß, wo die Achtung aufhört, auch deredlere Bestandtheil der Liebe, die gemächliche Zuneigung schwindet und daß diese darumoft so flüchtig und schnell vorübergehend ist, weil bei allzu großer Nähe und Vertrau-lichkeit jene zartere Scheu verloren gegangen.

Allerdings können Zuneigungen entstehen und eine Zeitlang fortdanern, die, ausunlautere Zwecke gerichtet, keineswegs dazu angethan sind, die Persönlichkeit zu entwickelnund zu fördern. So wenden wohl Herrscher ihre Zuneigung Dienern zu, die ihrenLaunen in gewandter Art zu sröhncn wissen; wer sich einer Leidenschaft ergeben hat,findet an dem Theilnehmer seiner Ausschweifungen eine Art von Beschwichtigung desGewissens und Anerkennung der Persönlichkeit trotz ihrer Fehler und Schwächen. Daßdie leicht erregbare, durch Erfahrung noch nicht gewitzigte Jugend auch in ihren Zunei-gungen sich verirren und in ihrer Wahl der Freunde und Vertrauten fehlgreifen, durchglänzende Fehler sich auch blenden lassen kann: das ist nicht abzuleugnen, und darumgeht an die Erzieher die Aufforderung, den Umgang streng zu überwachen. Aber imallgemeinen darf doch behauptet werden, daß in den Zuneigungen der Jugend ein reinersittlicher Geist waltet und das Gemüthsleben in edelster Weise sich darin offenbart.Ein boshaftes, großsprecherisches, eigenwilliges oder gar tückisches und hinterlistigesWesen Wird nie und nirgend Zuneigung finden, während der Gutmüthige, Verträgliche,Gefällige, Offenherzige und Gerade jenes Wohlgefühl des Beisammenseins erzeugt,aus welchem die Zuneigung sich bildet. Die Jugendfrcundschaften haben fast immereinen idealen Hintergrund, mögen die Zuneigungen sich auch durch äußere Dinge,gewiße Liebhabereien re. gebildet haben. Der schwächere Knabe lehnt sich gern an denstarken, gewandten, fest und sicher auftretenden Genossen an, der jüngere an den älteren,Mädchen fühlen sich aus gleichem Grunde der Ergänzung (ganz abgesehen vom geschlecht-lichen Verhältnis) zu Knaben hingezogen, wie es umgekehrt den älteren, stärkeren,geschickteren Geschwistern, Gespielen, Mitschülern Freude macht, die Beschützer undBerather, die Leiter und Vorbilder der vertrauensvoll ihnen sich anschließenden jüngeren