686
Zuneigung.
Mal das Kind zu besuchen kommt, bleibt das Kind völlig fremd. Aber auch iu solchenHäusern, wo die Eltern zwar dafür Sorge tragen, daß den Kindern an leiblicher undgeistiger Pflege nichts abgeht, aber zu vielbeschäftigt oder auch zu bequem und vergnü-gungssüchtig sind, um sich mit den Kleinen persönlich und individuell zu befassen undmit zeitweiliger Jnspection genug gethan zu haben vermeinen, kann die Zuneigung derKinder zu den Eltern keine tieferen Wurzeln schlagen.
Da das Menschenleben von Anbeginn auf die Gemeinschaft gestellt ist und ohnediese sich weder leiblich noch geistig und sittlich entwickeln kann, so hat jedes menschlicheEinzelwesen schon von Natur einen Hang, das Gemüth denen zu öffnen und sich andie anzuschlicßen, die ihm das wohlthuende Gefühl der Ergänzung und Förderung seinesDaseins gewähren. Daß, wie bei der Abneigung, so auch bei der Zuneigung dieSinnlichkeit ein bedeutsamer Factor ist und mitunter einen mystischen Zauber übt,Welchen begrifflich zu zergliedern oft unmöglich scheint, ist nicht abznlcugnen. MancherMensch hat als Natnrgabe etwas in seinem Blick und Miencnspiel, im Ton undAusdruck seiner Rede, in seiner Art sich zu geben und darzustellen, daß ihm von vornherein die Herzen derer znfallen, mit denen er zusammen kommt. Und doch ist esnie das bloß Aeußcrliche und sinnlich Ansprechende, was die Zuneigung gewinnt. Wiein allem Gcmüthlichen Leibliches und Seelisches, Sinnlichkeit und Geist in einanderspielen, so ist in dem, was die Zuneigung hervorruft, immer das Menschliche in seinerGanzheit wirksam. Allerdings halten sich Kinder wie die Erwachsenen im Grundegenommen auch immer zunächst an das Aenßerc, an die sinnliche Erscheinung. Einfinsteres, mürrisches Gesicht schreckt sie zurück, die lächelnde, fröhliche Miene, das inHeiterkeit strahlende Auge zieht sic an. Sie lieben es, an der Kraft sich aufzurichtenund da sie diese zunächst nur in ihrer sinnlichen Erscheinung zu erkennen und zu schätzenvermögen, so zieht sie der gewandte, körperlich entwickelte, muthvolle Gespiele mehr an,als der geistig regsamere, aber körperlich schwächere; der große und starke Mann mitseiner tiefen kräftigen Stimme imponirt ihnen mehr, als das kleine schwächliche Männleinmit hoher Stimme. Der Vater hat schon als das stärkere Geschlecht mehr Ansehenals die Mutter, nud dieses ist der Zuneigung keineswegs hinderlich, denn zu dem, wasder Mensch achten muß, fühlt er sich auch hingczogcn, und in jeder Ehrfurcht steckt alsKnospe die Zuneigung. Schmiegen sich die Kinder mit größerer Zärtlichkeit der Mutteran, weil diese ihnen näher steht und vertrauter geworden ist, so fühlen sie nicht minderZuneigung zum Vater — vorausgesetzt, daß dieser sie nicht durch rauhes, kaltes Wesenzurückstößt — weil er die kräftigere Persönlichkeit ist, die ein stärkeres Gefühl desSchutzes und der Sicherheit gewährt. Aber die Zuneigung ist keineswegs an körperlicheVorzüge gebunden, ja nicht einmal vorzugsweise durch dieselben bedingt. Sehen wirgenauer zu, was dcu Erwachsenen die Zuneigung der Kinder nicht nur auf Augenblickegewinnt, sondern sichert, so werden wir immer finden, daß es deren Gesinnunggegen die Kinder ist, ihre eigene Neigung zu Len Kindern, ihr freundliches Wohlwollen,ihre Sorgfalt, Treue und Aufopferung, die Theilnahmc an ihren kleinen Angelegenheitenund Wünschen, kurz das willige, liebreiche Eingehen ans ihr individuelles Leben undStreben. Wo die Fähigkeit oder der Wille zu dieser Herablassung und Theilnahmefehlt, da hilft alle äußerlich angenommene Freundlichkeit und momentane Schönthuereinichts. So empfänglichen Sinn die Kinder für äußere Wohlgestalt und gewinnendesBenehmen haben und so scharfsichtig sic in Bezug auf körperliche Mängel und Gebrechensind: sie sind, man darf es kühn behaupten, doch noch scharfsichtiger im Durchschauendes inneren Menschen, im instinctivcn Bewußtsein, daß man es gut mit ihnen meint,ihnen ein Herz entgegcnbringt. Sie lesen aus dem Blick des Auges, aus dem Tonder Stimme, aus jeder Miene und Geberde die warme oder kälte, die freundliche oderunfreundliche Gesinnung der Erwachsenen, mit denen sie in Berührung kommen.Die häßliche alte Magd wird von den Kleinen ebenso geliebt, wie die junge und schöne,und ist jene zuthulicher, freundlicher, sorgsamer, so erhält sie den Vorzug selbst vor der
j
1