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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Zuneigung.

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entsprechend erkennen, die uns ein Gefühl der Erhöhung und Förderung unserer persön-lichen Existenz gewährt. Mag auch das Geben überwiegend auf der einen Seite, dasEmpfangen auf der andern Seite sein, so ist es doch schon in der Gleichartigkeit desWesens und Strcbeus beider Theile gegeben, daß der Gegenstand unserer Zuneigungsich auf irgend eine Weise zu uns herab- oder hinneigt, weil er durch die Huldigung,die wir ihm durch unsere Neigung entgegentragcn, erfreuet wird, in seinem Wollenund Thun sich anerkannt sicht. Ohne diese Geneigtheit des andern, in unser Weseneinzugchcn, an unserem Streben Anthcil zu nehmen, ist keine dauernde Zuneigungdenkbar; ohne die persönliche Einwirkung kann auch nicht die persönliche Rückwirkungerfolgen, die wir ebenZuneigung" nennen.

In dieser persönlichen Wechselwirkung, die in der Zuneigung stattfindet, liegt auchder Unterschied von der begehrlichen und leidenschaftlichen Liebe, liegt zugleich ihr hohersittlicher und pädagogischer Werth. Sie ist freie Huldigung des Gemüths, das in demAnderen Bci-Sich-Sein und hält sich ebenso fern von der Kühle der Gleichgültigkeitwie von der Glut verzehrender Leidenschaft. Darum muß alle Liebe, wie sie mit derZuneigung beginnt, auch wieder in die Zuneigung zurückgehen, wenn sie sich stetigerhalten will; sie muß von der Unruhe und heftigen Spannung des Affects sich befreien,sich reinigen von allem, was bloß sinnlich und selbstisch ist, und dieses reine sittlicheVerhältnis ist in der Zuneigung gegeben und wirksam.

Die Liebe der Eltern zu den Kindern und dieser zu jenen, die Geschwisterliche,die Gattenliebe, ja auch die Liebe der Menschen zu Gott ist so oft bloßer Schein, einäußeres, auf Gewohnheit, Ueberlieferung, mechanisch angelernten Formen beruhendesVerhältnis, weil es an der Zuneigung und damit an der inneren Lebenswärme fehlt,die ohne persönlichen Verkehr, ohne das gegenseitige Empfangen und Geben, ohne dasSich-Ein- und Auslebcn des einen in dem andern sich nicht bilden kann. Der Menschmuß das Walten und Weben des Geistes Gottes im eigenen Gemüthe, er muß seiucVerwandtschaft mit dem göttlichen Geiste inne werden, wenn er sich liebend zu Gotthinwenden, ihn gegenständlich in Natur und Geschichte erkennen und finden soll. Wieaber niemand die Gnadenwirkungen Gottes in und an sich erfährt, der sich ihnen nichterschließt und selbstthätig zu ihnen hinstrebt: so ist auch in jedem menschlichen Verhältnissedie Zuneigung an die Wechselwirkung beider Theile gebunden, an das Antheilhabenuud -nehmen, was in dem lateinischen Ausdruck iutor-esso gut augedeutet ist. DasKind muß sich in den Willen und das Wort, in die Airschauungen und Gcfühlswciseseiner Eltern ebenso hineinleben, sein Dasein durch das ihrige ebenso erhöht finden,wie die Eltern in die Anschauungs- und Gcfühlswcise, in Wort und Willen des Kindescingehcn, ihr Dasein durch sein Dasein gehoben und gefördert finden mäßen. Dasist aber nur möglich durch stetig fortgesetzten persönlichen Verkehr und gegenseitige Activität.Bei passiver Unthätigkeit des einen Theilcs würde alsbald das Interesse und dämit dieZuneigung schwinden. Es ist ein schwerer Jrrthum, wenn die Eltern meinen, dieZuneigung ihrer Kinder verstünde sich von selbst, die Liebe der Kinder zu den Elternwürde ihnen angeboren. Allerdings erzeugt Blutsverwandtschaft da Leibliches undSeelisches eine untrennbare Einheit bilden auch eine gewisse Verwandtschaft derNeigungen; eine gleichartige Disposition der leiblichen Anlagen und Kräfte ist für dieGleichartigkeit der Gemüthsstimmung und Sympathie der Seelen keineswegs gleichgültig.Aber diese Naturbedingungen bleiben unfruchtbar und wcrthlos ohne den sie erfassendenGeist, der sic in das sittliche Leben überführt und zur Freiheit emporhebt. Nur Liebeerweckt Liebe. Es ist die Mutterliebe, welche das Kind nährt und pflegt, bewahrt undschützt, die mit freudestrahlendem Blick das erste Lächeln desselben empfängt und denSchmerz des Kindes als ihren eigenen empfindet, das Sichverscnken der Mutterseelew die Kindesseele, was die Zuneigung des Kindes zur Mutter erweckt und zur innigenLiebe erblühen läßt. Einer Mutter, die ihr Kind einer Amme übergiebt, fern vomHause, die seine Erziehung fremden Personen überläßt und etwa alle Jahr nur ein