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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Zucht.

Zuneigung.

in vorübergehender Weise und bis zur Erlangung neuer religiöser Willensstärke verlustigerklärt wird. Daß in dem Werke der Erziehung eine gesunde Zucht der körperlichenZüchtigungen niemals wird entbehren können, ist in der Erörterung des Begriffs derStrafe nachzuweisen. Ihre frühzeitige und nachdrückliche, aber sparsame Anwendung istgeradezu das Fundament aller echten Zucht, weil das Fleisch die Macht ist, welchein erster Linie gebrochen werden muß. Von dieser niedersten Stufe bis zur höchstenergeben sich die Mittel der Zucht immer aus dem Lebensgebiete, innerhalb dessen siegeübt wird; je mehr diesem angemessen und aus demselben entnommen, desto wirksamerwerden sie sein. Dem heutigen Geschlechte, das nur von Freiheit weiß, ist freilich dieserBegriff in jeder Gestalt zuwider. Aber wer Zucht hasset, der hasset das Leben. Es istzu hoffen, es werde dieses tiefe Bedürfnis der Menschheit dereinst wieder mehr Aner-kennung und liebende Pflege finden, als in unfern der allgemeinen Auflösung so raschentgegeneilenden Tagen. Denn wo die menschlichen Auctoritäten nicht mehr hinreichen,Zucht aufrecht zu halten, da tritt die göttliche Auctorität mit Gewalt ein und beugt die Ein-zelnen wie die Völker unter das unerträgliche Joch der eigenen Schlechtigkeit. Die Rückkehrzu dieser Einsicht wird in Deutschland vornemlich auch mit einem Umschwung in derherrschenden Ansicht von der Aufgabe der Schule verbunden und theilweise dadurch be-dingt sein, denn ein Schulleben, das, wie heutzutage geschieht und wie Nector Burg-wardt aus Wismar in seinem trefflichen Vortrag über den Irrweg der öffentlichenSchule inmitten der Hamburgischen Lehrerversammlung nachgewiesen hat der Zuchtsich entledigt, um sich der Lehre allein zu widmen, ist im Begriff, seinen eigenenUntergang herbeizuführen. Mit der wahren Zucht aber kehrt allenthalben Leben undStreben auch im höchsten Gebiete des Geistes ein. H. Lechler.

Zuneigung. Da alles Negative ein Positives zur Voraussetzung hat und maujenes nicht behandeln kann, ohne auf dieses zurückzugehen, so mußte schon im ArtikelAbneigung" von derZuneigung" die Rede sein und das Wesentliche der letzterenangedeutet werden. Hier die weitere Ausführung.

In dem Vorwortzu" hat unsere Sprache bereits treffend das persönliche Ver-hältnis der Neigung ausgedrückt. Der allgemeinere Begriff derNeigung" geht sowohlauf die Sache als auf die Person, auf den Zustand wie auf die Thätigkeit (Neigungzum Spiel, zum Schlaf w.); der Begriff der Zuneigung nur auf Personen. Insofernfür die Auffassung auch Thiere zum Range von Personen erhoben werden können,indem der Mensch zu ihnen in ein gemüthliches Verhältnis tritt, geselligen Umgangmit ihnen Pflegt, sprechen wir auch von Zuneigungen zu Thieren. Ebenso fein begrenztdie Sprache den Begriff der Zuneigung gegenüber dem der Liebe. Obwohl alle Liebeauf Zuneigung beruht und mit dieser beginnen muß, so Wird das Wort Liebe, als alleStadien des Triebes umfassend, doch in einem viel umfassenderen Sinne gebraucht.Wir sprechen von einer Liebe zum Gclde, zur Freiheit, nicht aber von einer Zuneigungzum Gelde oder zur Freiheit, weil die persönliche Beziehung fehlt. Und wo schondas natürliche Verhältnis die innigste Lebensgemeinschaft voraussetzt, wie zwischen Gottund Mensch, Eltern und Kind, da sprechen wir von der Liebe Gottes zu den Menschen,von Eltern- und Kindesliebe, nicht von Eltern-Zuneigung. Nichtsdestoweniger bleibtdie Zuneigung des einen zum andern das entscheidende psychologische Moment, dasnicht nur den Anfang, sondern auch die Fortdauer der Liebe begründet.

Was sich neigt, geht aus dem bloßen Aufsichselbstgestelltsein, aus der stolzenSelbständigkeit der senkrechten Linie heraus, um sich dem Gegenstände zu nähern undhinzugeben, der eine mächtige Anziehungskraft äußert. Und zwar fühlt sich das Subjectzu dem Object hingezogen, weil eine Gleichartigkeit des Wesens obwaltet, an der dasSubject Antheil nimmt und durch welche es sein eigenes Wesen ergänzt, entwickelt,fördert. Diese Theilnahme kann auf Einstimmigkeit der Beschäftigungen und Bestre-bungen, der Gefühle und Gedanken, des Thuns und Leidens beruhen. Unser Her;neigt sich zu der Person hin, die wir als unserem Wesen verwandt, unserem Streben