Druckschrift 
10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
Entstehung
Seite
683
Einzelbild herunterladen
 

Zucht.

683

eignen, so kann dem Lernen eine sittliche Bedeutung nur in ganz untergeordnetem Sinnezugcschrieben werden. In dem Grade, in welchem das Lehr- und Lcrngeschäft jenenmateriellen Gesichtspunct mehr hcrvorkehrt, nimmt die Kraft der Zucht bei derselben ab;jeder Steigerung der Lernthätigkeit entspricht dann ein Sinken der Sittlichkeit und dasEnde ist, daß man mit all dem Aufwands von Methodik und Fleiß, wie Wellingtonj sagte, nur raffinirte Teufel erzieht, mindestens aber der vollendeten Barbarei auch aufdem intellectuellen Gebiete in die Hände arbeitet. Wir schweigen davon, daß man jaj auch für böse Zwecke lernen kann.

Wir bleiben also dabei: Lernen an und für sich ist nicht Zucht, ist noch nicht sitt-liches Streben, sondern zum Lernen gehört Zucht.

Danach richten sich auch die Mittel der Zucht. Zucht ist, wie oben gesagt, inerster Linie nicht Wo«, sondern That, und wenn sie in Worten sich darstcllt, nichtLehre, sondern Befehl. In richtigem Fortschritte der Entfaltung der Persönlichkeit fol-gend oder vielmehr ihr vorangehend wendet sie allerdings, sobald der persönliche Geistj des Gedankens und der bewußten Selbstbestimmung fähig ist, das Wort an und fügt

s zu dem Befehl, wo es zweckdienlich erscheint, die Erläuterung und Begründung desselben,

jedoch keineswegs darum, weil die Handlung des Kindes erst in dem Grade wahrhaftsittlich würde, in welchem sie ans der freien Einsicht in die Berechtigung des Erziehers re.

> zu seinem befehlenden Auftreten entspringt, sondern lediglich darum, weil auf diesemWege das Kind gewöhnt werden muß, Selbstzucht zu üben, beziehungsweise die Zucht

s Gottes zu verstehen und sich ihr auch da, wo cs dieselbe nicht versteht, zu unterwerfen.Tie bloße Geberde, das Erscheinen der Person, welche über andere gesetzt ist, ihre aus-drucksvolle Haltung muß auch den gebildetsten, freiesten Menschen gegenüber die Wirknngs haben, ihren Willen zu beugen. Das geht dann keineswegs durch die Ueberlegung hin-

^ durch; dies Auftreten der gebietenden Persönlichkeit ist nicht bloßes Symbol empfangener

Lehren, die dadurch ins Gedächtnis gerufen würden, sondern es ist eben das Ueberwiegen! des stärkeren nnd edleren Willens über den vergleichsweise wenigstens geringeren

j und minder vollkommenen Willen. Die Berührung ist ganz unmittelbar, geht von Person

> zu Person, nicht von Verstand zu Verstand. Darum ist aber auch die edle Weiblichkeit eine

? ziehende, züchtigende Macht im Menschenleben; die bloße Gegenwart einer würdigen Frau,

deren Erscheinung und Haltung den Geist der reinen Sittlichkeit ossenbart, ist eine Schrankefür die zügellose Sitte eines stärkeren Geschlechtes. Sanftmuth, Zartheit, Anmuth, Schön-I heit, wenn letztere eben selbst mit Zucht verbunden ist, ^) wirken reinigend und sittlich

j kräftigend auf das Gemüth des Menschen.Das ewig Weibliche zieht uns hinan" sagt

ß Göthe (Faust II. Theil, Schluß). In letzter Beziehung ist cs aber auch hier immer

r wieder das Gericht über das Gemeine, Unwürdige, was der Erscheinung des Hohen,

) des Reinen, Zarten rc. seine Wirkung auf die niedriger stehenden Gcmüthcr verschafft.

) Es ist eine geistige Strafgewalt, welche ihm ipso furo übertragen ist, und sich von

selbst ausübt.

! Hieraus geht nun aber weiter hervor, daß Zucht, wie das alttestamcntliche Wort: sagt, wesentlich Strafe (musur) ist. Der verkehrte, der zu seinem und anderer Unheil

- seiner selbst nicht mächtige Wille muß gebrochen werden und das wird er durch den

? Schmerz, den körperlichen oder seelischen, den natürlichen oder geistlichen. Zucht ist,

! mit Schlciermacher zu reden, Lebenshcmmung, sie ist mindestens Einschränkung der Lebcns-

! thätigkeit, sofern diese sich nicht willkürlich entfalten kann, sondern in bestimmte

Grenzen eingeschlossen und an bestimmte Ordnungen gebunden ist; je nach Umständenaber ist sie auch Einschränkung, also thcilweise Aufhebung des Lebensgenusses, derLebensfreude, und zwar selbst der geistlichen, indem beispielsweise das Glied einer kirch-lichen Gemeinde des höchsten in dieser Welt möglichen Genusses, der Communion,

*) Während freilichein schön Weib ohne Zucht ist wie eine Sau mit einem goldenen Haar-: band" (cigentl. Nasenring, Rüsselband). Spr. Salom. 11, 22.

i!