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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Zucht.

ms des menschlichen Wesens. Anders würde es nicht zu einem Brechen des Willenskommen müßen, sondern nur zum Verknüpfen desselben mit dem stärkeren und besserenWillen; der letztere würde den ersteren cm sich ziehen, wie der Magnet das Eisen.Das Individuum ist in seiner ursprünglichen Beschaffenheit nicht nur dem höchsten Ge-setze nicht entsprechend, sondern auch der Selbstgewöhnung an das sittliche Ideal nichtfähig und statt dessen von einem cigcnthümlichcn Gesetze regiert, das mit dem Gesetzedes Guten im Widerspruche steht. Wäre keine Sünde, so bedürfte es keiner Zucht. DieNothwendigkcit derselben schon auf der ersten Lebensstufc und ihre unleugbare Wirksam-keit noch in dem Umkreise des unbewußten geistigen Daseins ist einer der handgreiflichstenBelege für die Wahrheit der Lehre von der Erbsünde. In ähnlicher Weise aber wiedie Einzclnpcrsöulichkeit ist die sogenannte moralische Person der Zucht bedürftig undunterworfen. Die Familie infolge des sie beherrschenden Geistes sittlicher Verkommen-heit und des damit verbundenen wirthschaftlicheu Zerfalles, die einzelne Gemeinde einesLandes, der einzelne Volksstamm (mau denke an Juden, Zigeuner re.) fordert die Trägerder weltlichen oder geistlichen Gewalt zum Aufbicten einer außerordentlichen Einwirkungauf sic heraus, bei welcher auf Grund gesetzlicher Vorschriften, oder nach Maßgabe desnaturrechtlichen Gebots der Nothwendigkcit dieses Individuum als ein solches, das inden Stand der Unmündigkeit gerathcn ist, behandelt und bis zur Wiedererlangung dersittlichen Kraft und wirthschaftlicheu Selbständigkeit durch fremde Einwirkung regiert wird.Die Anwendung dieses Grundsatzes auf Gemeinden und noch höhere Gesammtpcrsöu-lichkciteu ist zwar in heutiger Zeit als eine Verletzung der individuellen Freiheit undMisachtung der sittlichen Kraft eines Gemeinwesens verworfen worden, in der Thal aberist sie nur eine Aeußerung gesunder Lcbensthätigkeit des größeren Ganzen in Beziehungauf ein einzelnes Glied und muß deswegen in jedem richtigen Staats- oder sonstigengrößeren Ganzen ebensowohl ihre Stätte finden, als in einem Hause gegenüber demKinde, dem Dienstboten re. oder in einem Heere gegenüber von dem einzelnen Krieger.Was insbesondere die Kirchcnzucht anlangt, so ist es selbstverständlich, daß sic nur daverworfen werden kann, wo der Begriff von einem geistlichen Gcsammtwillcn fehlt, demsich das einzelne Kirchenglied untcrzuordnen hat, es sei denn, daß Gewisscnsgründe ihmdiese Unterordnung unmöglich machen, in welchem Falle aber begreiflicherweise nicht derGesammtwillc dem Einzclwillen zum Opfer gebracht werden kann, sondern der letzteresich ein anderes Gebiet seiner Thätigkeit zu suchen hat.

In der Schule speciell geht Zucht vor Unterricht. Fester steht kein Sah inder Pädagogik, als daß Kinder zuerst gezogen sein müßen, ehe sie unterrichtet werdenkönnen. Es gicbt Wohl eine Zucht ohne Lehre, wie wir oben gesehen, aberkeine Lehre ohne Zucht. Jeder Unterricht beginnt mit einer Willcnshandlung vonSeiten des Lehrers und von Seiten des Schülers, und jeder einzelne Thcil des Unter-richts setzt die Erneuerung dieser Willcnshandlung voraus, und je höher der Grad derZucht, desto sicherer der allseitige Erfolg des Unterrichts, wie auch im Kriege nicht ge-niale Taktik und Strategie, sondern Mannszucht, Gehorsam bis in die obersten Stellendie meiste Aussicht auf den Sieg darbictet. Man hat die Bedeutung dieses Elementesin der Schule neuerdings mehrfach verkannt und dem Lernen an und für sich einen Ein-fluß auf die Sittlichkeit zugeschrieben, womit der oben ausgesprochene Satz folgcrichtiger-wcise sich umkehrcn würde und cs darauf hinauskämc, daß Unterricht vor der Zuchtgienge, sofern diese erst in jenem, jener dagegen nicht in dieser enthalten sei. Es istdies aber psychologisch unrichtig gedacht. Das Lernen an und für sich hat mit der Sitt-lichkeit nichts zu thun. Es kommt auf das Ziel des Lernens an. Lernt ein Mensch,um zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen, so lernt er in der Absicht, diejenige Stufeocs Geisteslebens zu erreichen, auf welcher sittliche und intellektuelle Vollkommenheit zu-sammentrifft. Bewußt oder unbewußt strebt er nach der absoluten Wahrheit und diesist sittliches Streben. Lernt man aber, um eine Summe von Kenntnissen für materielleZwecke, Fortkommen in der Welt, reichlichen Verdienst, erhöhten Lebensgenuß sich anzu-