Zucht.
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zugsweise ein Element des alttestamentlichen Lebens ist, wie denn auch die Weisheit desAlien Bundes ihr in den Sprichwörtern ein ausgezeichnetes Denkmal gestiftet hat. Sieerscheint dort als die Zwillingsschwester der Weisheit (vgl. o. 1, 2. 7. e. 8, 10. vgl.mit c. 2, 4 u. oft.) mit der besonderen Nebenbedeutung, daß sie vor allem in der Keusch-heit und in würdigem Anstande des Benehmens überhaupt sich ausspricht (s. e. 2, 10 ff.vgl. mit o. 5. 6, 23 ff. 7, 4 ff. 8, 32 u. s. f.), was sich in dem Ausdruck: Unzucht alsdem Gegeutheile der Zucht, wie in dem Eigenschaftswort«: „züchtig" bis heute erhaltenhat. Das hebräische Wort (musur) drückt noch viel bestimmter als das deutsche, das Luthergewählt hat, den Begriff der strengen Handhabung des Gesetzes aus, sofern das Stamm-wort jn8ur strafen bedeutet. Das deutsche Wort entspricht mehr dem griechischen -r«r-Seiiktv, wörtlich: linden, d. h. zum Kinde machen, zum kindlichen Wesen heranbilden —sofern in dem Ausdrucke: ziehen wie in dem griechischen Worte der Hinweis auf ein zu er-reichendes Ziel gegeben ist, in der griechischen Sprache concretcr, aber auch beschränkter,im Deutschen allgemeiner, ebendamit aber auch für umfassendere und höhere Beziehungenleichter anwendbar. Während daher mit dem neutestamentlichen -r-e-Sellr-v unddie schöne Idee der Kindschaft Gottes in Christo unmittelbar aus dem alttestamentlichen„Strafen" sich entwickelt, und in dieser Form der „Zucht" ihre Stelle auf dem Bo-den des Evangeliums gesichert ist (Eph. 6, 4), die „Besonnenheit" dagegen oder wienun das Wort am besten deutsch gegeben wird, bei dem Weibe 1. Tim.
2, 9. 15. den alttestamentlichen Gedanken der Zucht — Keuschheit und Anstand — mehrhervortreten läßt, so hat die deutsche Bezeichnung den Vortheil, daß sie in allen mög-lichen Verhältnissen gleichmäßig anwendbar ist, auf das Kind, das Haus, die Schule, dasHeer und die Kirche, nur daß das Ziel, zu welchem die Persönlichkeit „gezogen" wird,jedesmal erst ergänzt werden muß, im übrigen aber die Einzelpersönlichkcit und die Ge-sammtpersönlichkeit (Gemeinde, Volk, Welt) gleichmäßig unter den Begriff des Gezogen-werdens fällt. Das höchste Ziel ist natürlicherweise bei allem, was Zucht heißt —Gott. Das Gezogcnwerden zu Ihm (vgl. Eph. 6, 4 Zucht und Ermahnung zum Herrn,wörtlich: des Herrn) ist der Inhalt aller wahren Zucht. Alle wahre Zucht ist ein Zugdes Vaters zum Sohne, und jedes echte Gesetz ein Zuchrmeister auf Christum (Joh. 6, 44.Gal. 3, 24). An gegenwärtiger Stelle fassen wir Zucht hauptsächlich als einen Begriff ausdem Gebiete des Haus- und Schullebens, als Bestandtheil des Thuns, durch welches derunmündige Mensch zur sittlichen Vollkommenheit geleitet werden soll. Als solcher beginntsie mit dem Leben selbst. Der Säugling braucht und empfängt Zucht. Ob die Mutterdas Kind bei jeder Aeußerung seines Unbehagens aus der Wiege nimmt und dem frühenoch ganz unbewußt wirkenden Eigenwillen sich dienstbar macht, oder ob sie das zarteGeschöpf daran gewöhnt, zuweilen auch allein zu sein und eine minder behagliche Em-pfindung zu ertragen, ob es in den Schlaf gesungen werden muß oder sichs gefallenläßt, daß man es in die Wiege legt und davongeht u. dgl., das find bereits Fragender Zucht und niemand zweifelt an der Bedeutung dieser ersten Anwendung derselben.Sie besteht demnach auf ihrer ersten Stufe nicht aus Belehrung, sondern ist reineThat, Machtäußerung, Beugung des sich entwickelnden Willens unter einen fremdenWillen. Sie bleibt das auch für immer. Wenn der Einzclwille nicht mehr überlegengenug ist, um den Einzelwillen zu beugen und zu brechen, so tritt der Wille des Ganzen,des Volkes, der Kirche re. ein und hinter und über allen diesen sei cs rechtmäßigen oderungerechten, erfolgreichen oder ohnmächtigen Aeußerungcn eines erziehenden Willens stehtder absolute Wille, der die Welt regiert und das Böse dadurch vernichtet, daß er es zufördern scheint, indem er ihm stufenweise freieren Spielraum gewährt bis zur endlichenSelbstzerstörung.
Der Gegenstand der Zucht ist der sittliche Wille in der Ungleichmäßigkeit,Schwäche und Verkehrtheit seiner Lebensäußerungen. Der Wille des Kindes muß ge-brochen werden, d. h. es muß lernen, nicht sich selbst, sondern einem andern zu folgen.Daß eine solche Nothwendigkeit vorliegt, ist ein Beweis von der angeborenen Verderb-