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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Zögling.

Zucht.

lauschen sie auf die schwachen Seiten des Stärkeren, um durch sie Meister zu werden.Zu diesem Auffassen der schwachen Seiten treibt sie eine Art Jnstinct, und selten wirdein Kind ein Jahr alt, ohne der Eltern schwache Seiten zu kennen und benutzen znkönnen. Mit dem gleichen Jnstinct fassen sie jede neue Erscheinung aus, die in ihr Kinder-leben tritt, und fassen ihre Eigenthümlichkeit meist weit schärfer auf, als ältere Leute, denendas eigene Ich, vorgefaßte Meinungen, gehegte Absichten und hundert Gegenstände dieAugen blenden. Nun tritt nicht bald etwas wichtigeres in der Kinder Leben hinein, alsein Lehrer, bei dem sie einen bedeutenden Theil ihrer Zeit zubringen, der als ObererWohl und Wehe zufügen kann. Wie sie nun dem Lehrer seine Macht nehmen, ihn ent-waffnen, lähmen, täuschen, ihm trotzen können, das ist der Kinder Augenmerk. Sie be-obachten die ersten Tage gar manierlich, allmählich strecken sie ihre Fühlhörner aus, immerweiter und weiter; stoßen sie an, so versuchen sie es auf andere Weise, bis sie wissen,woran sie sind, und das alles selten mit Bewußtsein, sondern instinctmäßig. Wehe nundem Lehrer, wenn er bewußtlos ist, wenn er, wie Obere so gerne zu thun pflegen,vor lauter Oberherrlichkeit nichts anderes sieht, als eben diese, wenn er dieses Tasten derKinder nicht fühlt und ihm nicht zu begegnen weiß mit Liebe und Ernst."

Schlimmer aber ist es, wenn der Zögling nicht erst tastet, ob er keine schwacheStelle am Erzieher auffinde, sondern wenn er schon zum voraus diesen, wer er auch seinmag, als Feind betrachtet also die Maxime guilillst xrnosumitmr mnlns in ganz specielleAnwendung bringt. Diese Stellung, die alle erzieherische Einwirkung schlechthin lähmt,nehmen natürlich am häufigsten solche Bursche ein, die schon selber so verdorben sind, daß sie,jeden nach ihrem eigenen Maßstab messend, keinem Menschen mehr etwas gutes zutrauen;wie manchmal ein Institut oder ganz besonders häufig ein Privatpädagog solche Indi-viduen in Pflege bekommt, die sonst nirgends gutgethan, und die durch ihre früherenErlebnisse vollends jede Fähigkeit, durch Liebe und Ernst gebessert zu werden, verlorenhaben. Dem Ernst setzen sie ihre halsstarrige Bosheit, der Liebe ihren Hohn entgegen.Verfasser erinnert sich aus seiner Jugendzeit eines Tübinger Stipendiaten, dem einmalnach vielen schlechten Streichen der sel. Stendel mit seiner ganzen, herzlichen Wärme anSGewissen redete, doch endlich sich eines bessern zu besinnen; als der Mensch wieder aufsein Zimmer kam, war sein erstes Wort:wenn nur die Herren nicht väterlich miteinem reden wollten!" Möglich ist es aber auch, daß solche Jungen entweder selberdenken oder gar von Haus aus auf die Ansicht geführt werden, der Erzieher suche undhabe ja nur seinen Vortheil an ihnen, er lebe von ihrem Geld, müße also an ihrerwerthen Gegenwart froh sein. Oder sieht der Zögling, sei er der Sohn eines Grasenoder eines reichen Bauern, auf den Erzieher einfach deswegen herab, weil er ihn für einjedenfalls untergeordnetes Snbject, wo nicht für einen armen Schlucker hält, dein eigentlichnur so pro korma, keineswegs im Ernst, eine Auctorität über ihn eingeräumt sei. Wieschwer solcher Widerstand zu überwinden ist, liegt auf der Hand; wenn die Eltern selbstin solchen heillosen Meinungen befangen sind, so tragen sie die Schuld, daß alle Er-ziehungsversuche mißlingen; die bittere Frucht ihrer Thorheit bekommen sie selber zuseiner Zeit gehörig zu kosten. Der Erzieher kann, so lange sich ein solches Band nichtlösen läßt, nichts thun, als seine Würde behaupten und seine Tüchtigkeit mit der Thatbeweisen; die christliche Weisheit wird sich in diesem Fall namentlich darin erproben, daßer, wie er keine Lieblinge hat, so auch selbst gegen ein so wenig erfreuliches Individuumkeinen persönlichen Haß oder Widerwillen in sich aufkommen läßt; je geneigter der Zög-ling ist, Böses von ihm zu denken, um so mehr ist es die Aufgabe des Erziehers, auchnicht den Schein eines Rechtes zu einem Vorwurf wegen Härte, ungleicher Behandlung,falschen Verdachtes u. dgl. auf sich kommen zu lassen. Palmer.

Zucht als Zustand bedeutet die Angemessenheit des persönlichen Lebens an daöGesetz. Als Thätigkeit aufgefaßt ist sie die folgerichtige und gleichmäßige Anwen-dung des Gesetzes auf den Willen der Persönlichkeit zum Zweck ihrer sittlichen Ver-vollkommnung. Es ergiebt sich schon aus dieser Begriffsbestimmung, daß Zucht vor-