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Zögling.
Zögling. Dieser Name hat, streng genommen, seinen Platz weder innerhalb derFamilie, noch innerhalb der Schule; dem Vater ist der Knabe mehr, als ein Zögling,er ist sein Kind; dein Schullehrer ist er weniger, er ist nur Schüler, Womit doch immernur ein Thcil der gesammten Erziehung als Aufgabe des Lehrers bezeichnet wird. Zög-ling ist ein Individuum, dessen ganze Erziehung nach der sittlichen wie nach der didakti-schen Seite, wenigstens für eine bestimmte Zeitdauer der Erzieher — sei es in einem Jnstitm,sei es als Hofmeister — übernommen hat, — also erst übernommen, eben weil sie ihn,nicht, wie dem Vater, von selbst schon obliegt. Deshalb nennt man bei richtigem Sprack-gebranche Gymnasiasten, Studenten u. s. w. nicht Zöglinge des Gymnasiums oder derUniversität, wohl aber können sie das zugleich sein, wenn sie einem Seminar, einemPensionat angehören. Damit will freilich nicht gesagt werden, daß irgend eine allge-meine Lehranstalt (im Gegensätze zu einer spcciellen Fachschule, wie einer Reitschule,Musikschule u. dgl.) sich der Erziehersanfgabe völlig überhoben achten dürfe; eine Uni-versität, eine Forstakademie, die sich außer den Lehrstunden um die jungen Leute, um ihreMoral lediglich nichts kümmerte, würde zwar damit vielleicht eine höhere Frequenz er-zielen, keineswegs aber ihrer ganzen Bildungsaufgabe genügen. Allein der Name Zög-ling paßt in diesen Lehranstalten nicht, theils weil die Einwirkung auf die Jünglingevon einer größeren Anzahl von Lehrern gleichzeitig ausgeht, also zu wenig einheitlichund persönlich ist, theils weil die Schüler in einem Lebensalter stehen, in welchem sic(nach Herbarts Ausdruck) gewagt werden müßcn, d. h. in welchem selbst auf die Gefahrdes Mislingens hin bereits der Selbsterziehnng etwas anheimgcgcben, mithin eine richtigbemessene Freiheit gewährt werden muß.
Wir denken also beim Namen Zögling vorzugsweise an die einem Hofmeister, einerGouvernante oder einem Institut anvertraute Jugend. Sollen wir aber dieses Erziehungs-object näher besprechen, so kann dies nicht so gemeint sein, als müßten wir uns aufeine Beschreibung, eine Art Naturgeschichte dieses ObjectS einlassen, was nichts andereswäre als eine Anthropologie vom pädagogischen Standpunct aus. Diese aber ist durchallgemeine und speciellc Artikel unserer Encyklopädie anderweitig vertreten. Auch der durchverschiedene Herkunft, durch den Stand der Eltern wie durch die eigene künftige Berufs-stcllung bedingte Unterschied der Zöglinge unter einander, sowie das Recht, die Bedeutungund Behandlung jedes einzelnen nach seiner individuellen Qualität — all das hat schonin früheren Artikeln seine Darstellung gefunden, der erstcre Pnnct in den Monographienüber adelige Erziehung, Prinzcncrziehung und über die den verschiedenen Ständen und Bil-dungszweckcn entsprechenden Anstalten — über Volksschulen, Mädchcninstitute u. s. w., derenBevölkerung ja eben nach der einen Seite durch die Herkunft, nach der andern durch denkünftigen Beruf der Zöglinge bestimmt wird; der zweite Punct ist erörtert in dem Ar-tikel „Individualität." Gleichwohl erscheint es zweckmäßig und zur Vollständigkeit dien-lich, daß wir sub voeo Zögling nicht bloß auf jene vorausgcgangcnen Artikel verweisen,sondern, ohne das dort Gesagte zu wiederholen, den Gegenstand selbständig ins Augefassen, indem wir uns auf den Standpunct des Zöglings selber stellen, ihn nicht so-wohl als Object der Erziehung, sondern als ein Subject betrachten, das von denMächten, denen es zur Erziehung überantwortet wird, bestimmte Eindrücke empfängt,diese nach seiner Weise auffaßt und sich ihnen gegenüber so oder so zu behauptensucht. In den andern Artikeln war die Frage wesentlich diese: wie behandelt der Er-zieher in den verschiedenen Formen, die seine Bcrnfsthätigkeit in unserem öffentlichenund Privatleben angenommen hat, seiner Pflicht gemäß den Zögling? Hier ist die Frageumgekehrt diese: Wie stellt sich der Zögling seiner Natur gemäß dem Erzieher gegen-über? wie behandelt er diesen? woraus sich aber schließlich doch auch wieder Regeln fürden Erzieher selbst ergeben.
1. Es giebt passive Naturen, die unbedingt und ohne Reaction alles mit sich an-fangcn, sich zu allem bestimmen lassen. Was sie lernen sollen, das lernen sie, ohne zufragen: cui llonv? Was man aus ihnen machen, welchen Lcbcnsbcruf man ihnen anweiscn